Mit dem Inkrafttreten des Glücksspielstaatsvertrags im Jahr 2021 haben die deutschen Bundesländer erstmals ein bundesweit einheitliches Regelwerk für Online-Glücksspiel, Sportwetten und virtuelle Automatenspiele geschaffen. Doch dieser Vertrag war von Beginn an nicht als dauerhaftes Endmodell gedacht. Stattdessen wurde ein zentrales Korrekturinstrument fest eingebaut: die Evaluierung, die im Jahr 2026 ihren entscheidenden Höhepunkt erreichen soll.
Diese Evaluierung wird darüber entscheiden, ob die aktuelle Regulierung als Erfolg gilt oder ob Deutschland sein Glücksspielsystem anpassen oder neu ausrichten muss.
Die Evaluierung ist Teil des Gesetzes
Die Überprüfung des Glücksspielstaatsvertrags ist kein politischer Zufallsprozess, sondern ausdrücklich im Vertrag selbst vorgesehen. Die Länder haben sich verpflichtet, nach mehreren Jahren praktischer Anwendung systematisch zu untersuchen, ob die mit der Regulierung verbundenen Ziele tatsächlich erreicht werden.
Der Gesetzgeber wollte damit verhindern, dass sich ein möglicherweise fehlerhaftes oder unausgewogenes System über Jahre verfestigt. Stattdessen soll die Regulierung anhand realer Marktdaten überprüft und – falls notwendig – korrigiert werden.
Die Rolle der GGL als Koordinierungsstelle
Zentrale organisatorische Schnittstelle der Evaluierung ist die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL). Sie bündelt die Aufsicht über den regulierten Markt, koordiniert die Datenerhebung und stellt die Verbindung zwischen Politik, wissenschaftlichen Gutachtern und Vollzugsbehörden her.
Inzwischen verfügt die GGL über einen eigenen wissenschaftlichen Stab, der die Aufbereitung der Marktdaten übernimmt und als fachliche Schnittstelle zu externen Instituten dient. Die eigentliche Bewertung erfolgt durch unabhängige Forschungseinrichtungen und Sachverständige, die auf dieser Datengrundlage Gutachten und Analysen erstellen.
Welche Daten fließen in die Evaluierung ein?
Um ein realistisches Bild des Marktes zu erhalten, greift die Evaluierung auf eine Vielzahl quantitativer und qualitativer Quellen zurück. Dazu gehören unter anderem:
- Daten aus der Sperrdatei OASIS, etwa zur Zahl gesperrter Spieler
- Informationen aus dem Limit- und Kontrollsystem LUGAS
- Spielvolumen, Einsätze und Nutzungsdauer
- Anzahl und Marktanteile lizenzierter Anbieter
- Rückzüge, Insolvenzen oder Lizenzverzicht
- Steuer- und Abgabenerlöse
- Hinweise auf illegale Anbieter und deren Reichweite
- Werbeaktivitäten und Sichtbarkeit legaler Angebote
- Dauer und Ablauf von Zertifizierungs- und Genehmigungsprozessen
- Befragungen von Spielern und Suchthilfeeinrichtungen
Gerade die qualitativen Erhebungen sind wichtig, um neben den reinen Zahlen auch die Erfahrungen von Betroffenen, Beratungsstellen und Fachkräften einzubeziehen.
Die zentrale Bewertungsfrage
Im Kern steht eine Leitfrage: Erreicht der Glücksspielstaatsvertrag seine eigenen Ziele?
Diese Ziele sind gesetzlich festgelegt. Dazu zählen der Schutz der Spieler vor Spielsucht, die Eindämmung illegaler Angebote, die Lenkung der Nachfrage in den regulierten Markt, Transparenz und Kontrolle sowie die Sicherung staatlicher Einnahmen. Die Evaluierung prüft, ob diese Ziele in der Praxis erreicht werden oder ob sich zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine Lücke geöffnet hat.
Kanalisierung und Marktattraktivität
Ein zentrales Bewertungskriterium ist die sogenannte Kanalisierung. Sie beschreibt den Anteil der Spieler, der tatsächlich bei lizenzierten und überwachten Anbietern spielt. Je höher dieser Anteil, desto größer ist die Wirksamkeit der Regulierung.
Dabei spielt auch die Attraktivität des legalen Angebots eine Rolle. Die Evaluierung betrachtet, ob die regulierten Produkte aus Sicht der Nutzer konkurrenzfähig, zugänglich und technisch funktional sind. Denn nur wenn das legale Angebot angenommen wird, kann es seine Schutz- und Kontrollfunktion erfüllen.
Technische Systeme als Prüfstein
Mit OASIS und LUGAS verfügt Deutschland über zwei zentrale Kontrollinstrumente. Sie sollen verhindern, dass gesperrte Spieler weiter spielen und dass Limits überschritten werden. In der Evaluierung wird untersucht, wie zuverlässig diese Systeme arbeiten, wie häufig sie eingreifen und wie sie von Spielern und Anbietern genutzt werden. Auch technische Störungen oder Umgehungsversuche fließen in die Bewertung ein.
Ein rollierender Prozess
Die Evaluierung ist kein einmaliger Akt im Jahr 2026. Vielmehr handelt es sich um einen fortlaufenden Prozess. Die GGL veröffentlicht bereits heute regelmäßige Lageberichte, die in die spätere Gesamtbewertung einfließen. Auf diese Weise entsteht über mehrere Jahre hinweg ein Gesamtbild, das nicht auf Momentaufnahmen, sondern auf langfristigen Entwicklungen basiert.
Was passiert nach 2026?
Der Abschlussbericht der Evaluierung dient den Bundesländern als Grundlage für politische Entscheidungen. Abhängig von den Ergebnissen können Einsatzlimits, Werbevorschriften, Lizenzmodelle oder technische Vorgaben angepasst werden. Auch steuerliche und organisatorische Änderungen sind möglich. Im Extremfall kann daraus ein neuer Glücksspielstaatsvertrag entstehen.
Fazit
Die Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags 2026 ist der entscheidende Prüfstein für die deutsche Glücksspielregulierung. Sie zeigt, ob das Zusammenspiel aus Spielerschutz, Marktsteuerung und wirtschaftlicher Tragfähigkeit funktioniert. Für Anbieter, Spieler und Behörden ist sie damit der Maßstab für die Zukunft des regulierten Glücksspiels in Deutschland.