Den Finger in die Wunde gelegt – Teil 1

Reinhold Schmitt
ISA-GUIDE Chefredakteur (V.i.S.d.P.)
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(rs) Den Finger in die Wunde gelegt – oder Online-Gaming – wo bleibst du? Teil 1

Wenn ein neues Unternehmen auf den Markt tritt, bedeutet dies mehr Konkurrenz. Wer sich nicht an die neuen Umstände anpassen kann oder will, geht aus dem Geschäft. So funktioniert der Markt.

Erinnern wir uns: Als die großen Multimedia-Warenhäuser auf den Markt drückten, bedeutete dies, dass sich die kleineren Unternehmen auf engere Margen einzustellen hatten. Die goldenen Zeiten schienen sich dem Ende zu nähern. Als die Telefonkonzerne Konkurrenz bekamen und diverse kleinere Unternehmen die Lizenzen für Mobilfunk usw. erhielten, sanken auf einmal die Preise und der Konsument konnte sich freuen. Heute ist es undenkbar, dass wir nur einen Telefonanbieter auf dem Markt haben. Doch vor 30 Jahren gab es nur einen und wir lebten mit diesem Monopol! Als neue Fluggesellschaften sich platzierten und die bestehenden Airlines durch Superangebote unter Druck setzten, begann das ganze System auf einmal zu wackeln. Heute liefern sich diese Fluggesellschaften einen gnadenlosen Preiskampf und buhlen um die Passagiere. Wer dem Druck nicht standhalten kann, geht aus dem Geschäft oder wird übernommen. Der Markt reguliert schließlich alles von selbst.

Als in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts der Internet-Boom aufkam und beinahe jeder private Haushalt mit einem oder gar mehreren Computern ausgerüstet wurde, da rückte die Welt noch einmal ein bisschen näher zusammen. Heute bezahlt man seine Rechnungen bequem vom Rechner aus, liest die Tageszeitung am Computer oder bestellt sich seine elektrische Zahnbürste oder seinen Lieblingsfilm auf DVD einfach via Mausklick. Man bucht sich seine Urlaubsreise per Computer, kann hochqualitative Video-Telefon-Konferenzen führen, Post verschicken, Musik oder Filme herunterladen und spielen. Einige vergnügen sich mit interaktiven Videospielen, die dank globaler Vernetzung mit anderen Spielern aus anderen Ländern stattfinden, während andere einer ganz neuen Leidenschaft verfallen sind: dem Internet-Spiel.

Um die Entwicklung und die Umstände zu verstehen, die dahin geführt haben, wo wir heute angelangt sind, sollten wir uns daran erinnern, wie es vor 30 Jahren war. Dass die Zeiten nie stehen bleiben und sich auch nicht mit sinnlosen Verboten aufhalten lassen, beweisen die Fakten, worüber wir Sie in diesem Bericht etwas ausführlicher aufklären werden.

Rückblick: Vor dem Internet-Boom

Waren das noch Zeiten, als es hieß:
„Die Spielbanken/Casinos werden ewig bestehen. Jede Spielbank ist wertvoller als eine Bank und der Beruf des Croupier ist eine sichere Sache, ein Job auf Lebenszeit.“

Blick in die Spielbank Baden-Baden<br> aus vergangenen TagenDen Spielbankunternehmern bzw. deren Gesellschaftern flossen wegen des Abgeltungscharakters der durchschnittlichen Spielbankabgabe, die nach Abzug der Abgabe verbleibenden, erheblichen Gewinne aus dem Spielbetrieb brutto für netto zu. Bezogen auf das eingesetzte Kapital wurden Renditen erzielt, die allenfalls auf der Höhe des Börsenbooms von wenigen Auserwählten realisiert werden konnten. Auch der Staat hielt wie selbstverständlich sein Säckel auf. Die Besteuerung, die den Casinos auferlegt wurde, war zwar mit regelmäßig 80 Prozent des Bruttospielertrags ungewöhnlich hoch, aber wen kümmerte es? Dem Unternehmer blieb auch nach Abzug der Abgabe noch genug, das spieltechnische Personal wurde über den Tronc geradezu fürstlich entlohnt und die Finanzminister hatten selbst in allgemein schlechteren Zeiten Mittel frei, gemeinnützige Aufgaben finanzieren zu können. Solange die Millionen einfach so hereinkamen, waren alle zufrieden. Aber diese goldenen Zeiten blieben auch nicht auf immer so golden. Andere wollten auch gerne am Erfolg teilhaben und so wurde der „Kuchen“ ständig neu aufgeteilt.

Und dennoch: Spielbank-Konzessionen wurden weiter fröhlich vergeben, auch damit Vater Staat voll mitkassieren konnte, egal, in welche Richtung der Ball – bzw. in diesem Fall besser die Kugel – rollen sollte.

In den 70er bis 90er Jahren des letzen Jahrhunderts gab es noch keine Spielbanken in der Schweiz, wenige Banken in Deutschland und es war zu der Zeit noch ein gesellschaftliches Ereignis, eine Spielbank zu besuchen. Die „schwarzen Götter in Smoking und Fliege“, wie sie genannt wurden, hatten das Sagen im Casino. Damals war es fast undenkbar, mit einem Croupier engeren Kontakt zu haben oder zu scherzen und zu lachen. Sie waren die „unnahbaren Götter“. Das Geld floss in Strömen in die Kassen der Betreiber und des Staates, der Tronc war randvoll gefüllt und die Angestellten waren zufrieden. Es war ein Prestige, in einem Betrieb dieser Art zu arbeiten. Saalchefs oder Direktoren waren fast unantastbar. Ihr Wort war Gesetz. Nur beim Militär galt eigentlich eine noch strengere Hierarchie als in den Casinos.
Die Spieler konnten durch viele Arten an Geschäften, die – aus welchen Gründen auch immer – zu der damaligen Zeit oftmals der regulären Besteuerung entzogen wurden, für steten Nachschub sorgen. Sogenanntes „Schwarzgeld“ landete auf diese Weise schließlich doch dort, wo der Staat es heute als Steuer eintreiben möchte. Das Staatssäckel bekam alles zurück (nicht wenige nannten diese Form der Abgabenerhebung auf Schwarzgeld auch staatlich tolerierte „nachgelagerte Besteuerung“).

Stars und Prominente gaben sich die Klinke in die Hand, Filme von der unnahbaren Glitzerwelt wurden gedreht und alle Beteiligten waren sichtlich zufrieden.
Niemand dachte an die Abgründe des Umsatzrückganges, kein Betreiber hätte zu dieser Zeit jemals in Betracht gezogen, „Spielautomaten“ in den
heiligen Hallen einer Spielbank unter zu bringen. Es wurde nicht einmal ein Gedanke daran verschwendet. Man hatte ja die Spielhallen am Bahnhof und es gab damals keinen Bedarf, sich anderweitig zu orientieren.

Die Zeichen der Zukunft, die langsam aber sicher am Horizont erschienen, wurden in diesem Rausch völlig übersehen oder schlicht ignoriert. Wie in jedem Geschäft gab es schließlich immer ein Auf und Ab. „Gespielt wird immer“ und so hieß „Expansion“ die Devise: immer mehr Spielbanken öffneten ihre Türen. Waren es zu Beginn der achtziger Jahre auf dem Gebiet der alten Bundesländer lediglich 17 Spielbanken (zuzüglich Dependancen), so sind es Mitte 2005 nahezu 75 Spielstätten, in denen bundesweit Tisch- und Automatenspiele angeboten werden. Allein im Jahre 2000 wurden quer durch die Republik in Duisburg, Wolfsburg, Bad Füssing, Bad Steben, Feuchtwangen und Kötzting Spielcasinos neu eröffnet. Im Laufe des folgenden Jahres gesellten sich Osnabrück, Bad Steben und Frankfurt-Airport den Spielbankstandorten dazu. Die Lizenzen waren begehrt wie Gold, Investoren in den neuen Bundesländern traten an diverse Landesregierungen heran, machten Investitionszusagen von Casinolizenzen abhängig und so mancher Regierung blieben „ihre ganz eigenen Erfahrungen“ (siehe Erfurt – ISA-CASINOS berichtete wiederholt) nicht erspart. Doch eines wurde im Zuge dieser Casinoneugründungen nicht beachtet: die Zahl der Spieler nahm nicht zu. Deshalb wurde der Kuchen auch nur umverteilt bzw. die Stücke wurden mit jeder neuen Spielbank immer kleiner.

Spielbank WiesbadenDas Internet, welches damals noch in den Kinderschuhen steckte, wurde seitens der Spielbankenunternehmer wenig beachtet. Wer hätte denn wirklich ernsthaft daran geglaubt, dass die Menschen eines Tages ihr Geld am Computer von zuhause verspielen würden? Ein Ding der Unmöglichkeit, selbst technisch gesehen nicht machbar. Aber diese Annahme war weit gefehlt wie sich in wenigen Jahren als falsch herausstellen sollte.

Vereinzelt wurde von Spielbanken im Jahre 1999 schon auf das Internet Gaming gezielt hingewiesen. Anlässlich einer Pressekonferenz über Spielsucht, die in der Spielbank Baden-Baden von Ludwig Verschl abgehalten wurde (ISA-CASINOS berichtete), wies er mit deutlichen Worten auf die kommende Industrie hin. Die anwesenden Journalisten hatten dafür nur Spott übrig. In der Spielbankenbranche wurden solche Töne nicht groß wahrgenommen.

Wir schreiben das Jahr 2005 – und längst hat das einfache Spiel um Geld zur Unterhaltung, ebenso wie das „Spielen“, über das Internet sämtliche prognostizierten Rekorde gebrochen und für Umsätze in Milliardenhöhe gesorgt. Zwar versuchten es zwischenzeitlich zwei deutsche Casinos mit einer Art Internetpräsenz und einem Mini-Onlinecasino, doch das Ganze ist im Verhältnis zu dem, was sich auf dem Weltmarkt entwickelt hat, geradezu wirkungslos… oder vielleicht eben doch nur erst als ein Anfang von etwas Neuem, etwas völlig Revolutionärem zu sehen?

Lesen sie im Teil 2: Rückblick – Die ersten legalen Online Casinos in Deutschland