Interview mit Bernhard Stracke – ver.di Bundeskoordinierung Spielbanken

Reinhold Schmitt
ISA-GUIDE Chefredakteur (V.i.S.d.P.)
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(rs) ISA-CASINOS: Herr Stracke, Sie koordinieren bei der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft – ver.di – bundesweit den Bereich Spielbanken Haben Sie früher selbst einmal als Spieltechniker am Roulettetisch gestanden, kommen Sie also unmittelbar aus der Spielbankbranche?

Bernhard Stracke: Nein, ich betreue aber seit 1983 die Spielbanken in Rheinland-Pfalz und dem Saarland und führe genauso lange Tarifverhandlungen in diesem Bereich. Die Arbeit mit den Spielbankbeschäftigten bereitet mir viel Freude. Ich kann von mir behaupten, dass ich mich in die Materie gut eingearbeitet habe und sehr gute Branchenkenntnisse besitze.

ISA-CASINOS, Chefredakteur, Reinhold Schmitt: Welche Funktion üben Sie heute aus?

Stracke: Ich arbeite im Bezirk Rhein-Nahe-Hunsrück mit Sitz in Mainz im Finanzdienstleistungsbereich und bin dort stellvertretender Bezirksgeschäftsführer. Weiterhin koordiniere ich zusätzlich auf Bundesebene die Arbeit von ver.di im Spielbankenbereich.

ISA-CASINOS: Ist ver.di die einzige Arbeitnehmerorganisation, die die Interessen der Spieltechniker und des sonstigen Spielbankpersonals vertritt?

Stracke: Ja, mit der Gründung von ver.di und der Auflösung von HBV und DAG ist ver.di die einzige Gewerkschaft in den Spielbanken.

ISA-CASINOS: Von den bundesweit etwa 4.500 bis 5.000 in Spielbanken beschäftigten Personen sind wie viele gewerkschaftlich organisiert?

Stracke: ver.di hat knapp 3.500 Mitglieder bei den Spielbanken organisiert.

ISA-CASINOS: Spielbanken sind bei der Gewerkschaft ver.di dem Fachbereich „Finanzdienstleistungen“ zugeordnet. Dieser Bereich wird von Geld- und Kreditinstituten sowie dem Versicherungsgewerbe dominiert. Wenngleich nach wie vor in Spielbanken täglich große Geldbeträge gesetzt werden: Wäre der Fachbereich „besondere Dienstleistungen“ nicht der passendere – schließlich sieht die Spielbankbranche sich selbst doch eher als „persönlicher Dienstleister am Gast“?

Stracke: Bei der Gründung von ver.di wurden 13 Fachbereiche eingerichtet. Bei der Zuordnung der Spielbanken wurde auch über den Fachbereich „besondere Dienstleistungen“ nachgedacht. Die bisherige Arbeit hat gezeigt, dass die Spielbanken im Fachbereich Finanzdienstleistungen gut untergebracht sind. Es gibt Spielbanken, die Bezug zur Finanzdienstleistungsbranche haben, z. B. Westspiel und die Spielbank Schleswig-Holstein.

ISA-CASINOS: Wenn Ihnen die bundesweite gewerkschaftliche Koordinierung von Arbeitnehmerinteressen obliegt – haben Sie es beispielsweise bei Tarifverhandlungen „auf der Gegenseite“ dann auch mit einer Art „Arbeitgeberverband deutscher Spielbankbetreiber“ zu tun?

Stracke: Nein, einen Arbeitgeberverband gibt es nicht. Alle Tarifverträge im Spielbankenbereich sind Haustarifverträge. Wir verhandeln in den einzelnen Spielbanken mit den jeweiligen Arbeitgebern die Tarifverträge aus. Die Arbeitgeber der Spielbanken haben im Juni 2002 die Deutsche Spielbanken Interessen- und Arbeitsgemeinschaft (Desia) gegründet. ver.di hat drei Versuche unternommen, um mit den Vertretern von Desia ins Gespräch zu kommen. Dies wurde jedoch von den Verbandsvertretern abgelehnt. Als Begründung wurde angegeben, dass Desia kein Arbeitgeberverband ist und keine Tarifpolitik betreibt.

ISA-CASINOS: Falls es einen derartigen Zusammenschluss auf Arbeitgeberseite nicht gibt: würden Sie die Einrichtung eines solchen begrüßen und ließen sich gewerkschaftliche Ziele möglicherweise so effektiver durchsetzen?

Stracke: In der heutigen Zeit wäre es sicherlich von Vorteil, wenn man tarifliche Mindestrahmenbedingungen auch im Spielbankenbereich vereinbaren könnte. Dies ginge nach meiner Auffassung nur mit einem Arbeitgeberverband, der auf Bundesebene tätig sein müsste. Da die Bezahlung in den meisten Tarifverträgen noch durch den Tronc erfolgt, müssten die Feinheiten jedoch weiterhin in jedem Haus vereinbart werden.

ISA-CASINOS: Es ist kein Geheimnis: die schlechte konjunkturelle Lage macht auch vor den Spielbanken nicht halt, es kriselt allerorten. Hieß es früher „sind die Zeiten auch schlecht – gespielt wird immer!“, so scheinen zweistellige Zuwachsraten bei Bruttospielertrag und Gewinn ein für allemal vorbei zu sein.
Was ist in einem solchen Umfeld aus Gewerkschaftssicht vorrangiges Ziel:
Arbeitsbedingungen zu optimieren, Gehaltssteigerungen durchzusetzen oder mit aller Kraft Arbeitsplätze zu sichern?

Bernhard StrackeStracke: Sicherlich hat in der heutigen Zeit die Arbeitsplatzsicherheit bei den Beschäftigten eine hohe Priorität. Dies gilt insbesondere für die Beschäftigten im Lebendspiel. Durch die Änderungen bei den steuerfreien Zuschlägen und den Rückgang bei den Troncgeldern haben die Beschäftigten in den letzten Jahren bereits erhebliche Gehaltseinbußen hinnehmen müssen. Da jeder Tarifvertrag im einzelnen betrachtet werden muss, gilt für ver.di neben der Absicherung von gewerkschaftlichen Grundpositionen mit dem jeweiligen Spielbankbetreiber den richtigen „Mix“ zu vereinbaren.

ISA-CASINOS: Was hat Sie Ende letzten Jahres bewogen, sich so scharf gegen Überlegungen für eine neue Spielbank und damit auch für die Schaffung weiterer Arbeitsplätze in Frankfurt-City zu positionieren?

Stracke: Spielbanken sind keine Wirtschaftsbetriebe. Spielbanken haben den staatlichen Auftrag, das illegale Glückspiel einzudämmen und den Menschen staatlich überwachte Betätigungsmöglichkeiten zu verschaffen, damit die natürliche Spielleidenschaft vor strafbarer Ausbeutung geschützt wird. Es kann nicht angehen, dass ein Unternehmer, der die Errichtung eines Centers plant, zur Steigerung der Attraktivität des Standortes eine Spielbank mit einplant. Wir haben heute nach unserer Auffassung ein ausreichendes Spielangebot. Dies trifft auch auf die Rhein-Main-Region zu. Eine neue weitere Spielbank würde nur zu einer Verlagerung des Bruttoeinspielergebnisses führen und insgesamt nicht mehr Arbeitsplätze schaffen.

ISA-CASINOS: Gegen Planungen von Spielbanken in Duisburg oder Erfurt haben Sie dagegen nichts einzuwenden?

Stracke: In Nordrhein-Westfalen ist die vierte Spielbank nach dem Spielbankengesetz seit langem vorgesehen.
Da es in Thüringen noch keine Spielbank gibt, kann man gegen eine Errichtung aus Arbeitnehmersicht keine Einwände haben, zumal beide geplanten Spielbanken auch ein ausreichendes Angebot an Lebendspiel anbieten wollen.

ISA-CASINOS: Auch wenn das Spielen bei in Deutschland nicht zugelassenen Online-Anbietern derzeit noch verboten ist: Sollten deutsche Spielbanken sich um entsprechende Konzessionen bemühen und sich selbst an einem Online-Angebot beteiligen? Überwiegen hier die Chancen oder eher die Risiken für die Spielbanken und ihre Mitarbeiterschaft?

Stracke: Grundsätzlich würden wir uns gegen eine Diskussion nicht sperren. In Hamburg gibt es eine entsprechende Vereinbarung des Arbeitgebers mit dem Betriebsrat. Eine weitere Spielbank, die bald ein Online-Casino anbieten wird, hat bereits eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat abgeschlossen. Man müsste darüber nachdenken, wie man mit diesem zusätzlichen Standbein neue Gäste gewinnt, ohne dass das Lebendspiel Gäste verliert, da dort sonst in größerem Umfang Arbeitsplätze gefährdet werden. Da die Spielbankbetreiber sich bei Desia über Online-Casinos verständigen wollen, wäre dies unter anderem ein Thema gewesen, über das der Bundesarbeitskreis mit der Desia gerne ein Gespräch geführt hätte.

ISA-CASINOS: Sehen Sie Möglichkeiten, die Attraktivität von Spielbanken, insbesondere des klassischen Spiels, zu erhöhen? Sollten die Spielbankunternehmen beispielsweise ihre Werbebudgets aufstocken und mehr auf potentielle Gäste zugehen, um sie für das Glücksspiel zu begeistern?

Stracke: Leider investieren viele Spielbankbetreiber nur noch ausschließlich in das Automatenspiel und vernachlässige das personalintensivere Lebendspiel. Zusätzlich ist bei vielen kein Konzept zu erkennen, wie das Lebendspiel gestärkt werden kann. Der ver.di-Bundesarbeitskreis Spielbanken erarbeitet zur Zeit seine Vision für die Zukunft der Spielbanken. Nach unserer Auffassung müssen gleiche Voraussetzungen für Lebend- und Automatenspiel geschaffen werden. Spielbanken müssen Unterhaltungs- und Kommunikationszentren sein. Dazu gehört ein ausreichendes Angebot am Klassischen Spiel. Man sollte auf Wünsche der Gäste Rücksicht nehmen und nicht, wie es in Baden-Württemberg geschieht, gegen den Wunsch der Gäste französische Tische abbauen und überwiegend nur noch Euroulette-Tische anbieten. Für Investitionen im Lebendspiel muss die Spielbankabgabe angemessen gesenkt werden. Als Mitglied des Arbeitskreises Spielbanken auf europäischer Gewerkschaftsebene werden wir dieses Thema in unserer Sitzung im März erörtern.

ISA-CASINOS: Die letzten größeren Arbeitskämpfe für die Belange der Spielbankmitarbeiter in Berlin, Bayern oder Niedersachsen stießen in der Bevölkerung und in den Medien nicht unbedingt auf eine große Resonanz. Liegt das daran, dass viele nach wie vor annehmen, Croupiers würden ohnehin unverhältnismäßig viel verdienen? Könnten Sie dieses Bild vielleicht einmal gerade rücken und Zahlen beispielsweise für einen Tischchef am französischen Roulette nennen?

Stracke: Dies trifft nach unserer Auffassung nicht zu. Das Interesse der Medien an den Arbeitskämpfen war sehr groß. Richtig ist jedoch, dass viele glauben, im Spielbankbereich würde das große Geld verdient. Je nach Spielbank verdient ein Tischchef ca. 3.500,00 Euro brutto. Dies ist für die Belastung und die hohe Verantwortung ein eher bescheidenes Entgelt.

ISA-CASINOS: Leicht war der Beruf des Croupiers nie: Dienst zu ungünstigen Zeiten (Nacht-, Sonn- und Feiertage), Wechselschichtbetrieb. Dabei stets hochkonzentriert, zuverlässig, verantwortungsbewußt und möglichst dabei zum Gast immer freundlich und zuvorkommend.
Die Besucher können Freundlichkeit und Professionalität des Personals üblicherweise in Form von Zuwendungen aus Gewinnen honorieren. Sie müssen dies aber nicht und sind in den letzten Jahren hier auch zurückhaltender als früher. In der Folge sinken die Gehälter. Hat sich Ihrer Meinung nach dieses Entlohnungssystem überholt, und welche sinnvollen Alternativen gäbe es?

Stracke: Da in den meisten Spielbanken der Tronc zur Bezahlung der Beschäftigten nicht mehr ausreicht, muss man über ein neues Entlohnungssystem nachdenken. Dabei müssen ein Garantie- bzw. Grundgehalt sowie zusätzliche Erfolgsbeteiligungen aus Tronc und Bruttoeinspielergebnis vereinbart werden. In drei Spielbanken sind schon solche Tarifverträge von ver.di abgeschlossen worden.

ISA-CASINOS: Wie glauben Sie, sieht die Spielbanklandschaft in 5 Jahren aus, und könnte sich das Berufsbild des Spieltechnikers geändert haben?

Stracke: Dies ist schwer zu beantworten. ver.di wird alles daran setzen, das Lebendspiel zu stärken. Dabei wird auch eine Rolle spielen, wie sich die Anzahl der Spielbanken entwickelt.
Wichtig für uns ist die Forderung nach einer anerkannten Ausbildung im Spielbankenbereich. Ein erster Schritt wurde in Hamburg von der Handelskammer durch die besonderen Rechtsvorschriften für die Fortbildungsprüfung zum Geprüften Croupier geschaffen.

ISA-CASINOS: Vielen Dank für das Gespräch.

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