Baden-Baden – die Sommerhauptstadt Europas und das Casino der Könige

Ulli Schmitt
ISA-GUIDE Inhaber
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Luxuriöses Spiel im Königlichen Palast
Luxuriöses Spiel im Königlichen Palast
Baden-Baden war schon seit dem Mittelalter für seine Thermalquellen bekannt, doch erst das Glücksspiel machte die Stadt im 19. Jahrhundert zum Mythos. Als der Pariser Spielbankpächter Jacques Bénazet 1838 die Konzession für die Spielbank erhielt, begann Baden-Badens Aufstieg zur Bühne der internationalen Gesellschaft. Nach seinem Tod übernahm 1848 sein Sohn Édouard Bénazet – und ließ die Spielsäle ab 1855 prächtig ausstatten. Mit prunkvoll ausgestatteten Sälen, funkelnden Kronleuchtern und vergoldeten Stuckdecken schufen sie das, Später wurde die Spielbank selbst zur Legende – Marlene Dietrich wird der Satz zugeschrieben, das Casino Baden-Baden sei ‚das schönste Casino der Welt‘.

Jeden Sommer zog es die Elite Europas nach Baden-Baden. Russische Zarenfamilien, englische Lords, deutsche Fürsten und französische Diplomaten flanierten durch die Promenaden. Wer Rang und Namen hatte, musste sich hier zeigen. Das Casino war das Herz des gesellschaftlichen Lebens. Gespielt wurden vor allem Roulette, Baccara und Trente et Quarante, die zu Symbolen der mondänen Spielkultur wurden.

Die Geschichten, die sich hier abspielten, waren legendär. Dostojewski spielte auch in Baden-Baden; seine Roulette-Erfahrungen verarbeitete er 1866 im Roman Der Spieler (erschienen 1867) – welcher Kurort als Vorlage für ‚Roulettenburg‘ diente, ist bis heute umstritten.. Der Großherzog von Hessen ruinierte sich angeblich an einem Abend am Roulettekessel so sehr, dass er seine Hofhaltung einschränken musste. Solche Dramen machten das Casino berüchtigt und trugen zugleich zu seiner Faszination bei. Doch Baden-Baden war mehr als ein Spielhaus. Es war ein Treffpunkt der Diplomatie und Kultur. Künstler wie Johannes Brahms und Richard Wagner lebten zeitweise in der Stadt, während Kaiser Wilhelm I. und Bismarck bei ihren Besuchen politische Gespräche führten. Wer am Spieltisch Platz nahm, bewegte sich nicht nur im Glanz der Aristokratie, sondern auch im Zentrum europäischer Netzwerke.

Der wirtschaftliche Einfluss des Casinos war enorm. Unter der Leitung der Familie Bénazet wurde die Spielbank zum größten Steuerzahler des Großherzogtums Baden. Die Einnahmen finanzierten Promenaden, Parks und Hotels, die bis heute das Bild der Stadt prägen. Glücksspiel war damit nicht nur Vergnügen, sondern auch ein Motor der Stadtentwicklung.

Doch es gab auch Kritik. Zeitungen warnten vor der „Spielhölle am Schwarzwald“, Bürgerliche empörten sich über Adlige, die ihr Vermögen in einer Nacht verloren. Für viele galt das Casino als Symbol aristokratischer Dekadenz. 1872 zog das Deutsche Reich schließlich die Konsequenz und verbot Spielbanken. Baden-Baden musste sein berühmtes Casino schließen – ein Schock, der die Stadt ins Mark traf. Trotzdem blieb der Mythos lebendig. Dostojewskis Roman, die Erinnerungen reisender Aristokraten und der Ruf als „Sommerhauptstadt Europas“ hielten das Bild wach. Als Baden-Baden 1933 die Spielbank wieder eröffnete, knüpfte man bewusst an die goldenen Jahre an. Die restaurierten Säle des Kurhauses gehören bis heute zu den prächtigsten der Welt und erinnern an die Epoche, in der das Glücksspiel das gesellschaftliche Leben Europas bestimmte.

Baden-Baden zeigt, wie ein Casino weit mehr sein konnte als ein Ort des Spiels. Es war Bühne, Treffpunkt, Wirtschaftsmotor und Symbol für Glanz und Risiko. Roulettekessel und Baccara-Tische entschieden über Reichtum und Ruin, während Diplomatie und Kultur im selben Raum ihren Platz fanden. Bis heute verkörpert das Casino Baden-Baden diese einzigartige Verbindung – und bleibt damit ein lebendiges Denkmal einer Epoche, in der Glücksspiel Könige, Fürsten und Künstler gleichermaßen fesselte.

Im nächsten Teil lesen sie: Monte Carlo – wie die Fürstenfamilie von Monaco das berühmteste Casino der Welt schuf

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Kurzquellen Dostojewski, Fjodor: Der Spieler. – Hettling, Manfred: Baden-Baden im 19. Jahrhundert. – Elias, Norbert: Die höfische Gesellschaft. – Zeitgenössische Berichte über das Casino Baden-Baden. – Archivmaterial der Familie Bénazet.