
In Versailles waren Spielschulden Teil des höfischen Stils. Ludwig XIV. ließ seine Adeligen hohe Summen beim Lansquenet und Pharao riskieren. Für ihn waren die Verluste seiner Höflinge ein nützliches Instrument: Wer in Abhängigkeit geriet, blieb dem König verpflichtet. Berühmt ist der Fall des Herzogs von Lauzun, der beim Spiel so hoch verlor, dass er seine Gläubiger nicht mehr bedienen konnte. Ludwig XIV. griff erst spät ein – nicht, um zu helfen, sondern um zu zeigen, dass Schulden am Hof nur mit Demütigung beglichen wurden. Unter Ludwig XV.* verschärfte sich das Problem. Der König selbst spielte leidenschaftlich und verlor gewaltige Summen. 1739 soll er in einer einzigen Nacht etliche Millionen in heutiger Kaufkraft verspielt haben. Dass die Schatzkammer einspringen musste, drang nach außen – und machte die Spielschulden des Monarchen zum Symbol der Dekadenz des Ancien Régime.
In England verlief es ähnlich – mit noch öffentlicheren Skandalen. Karl II. zeigte sich großzügig, wenn ruinierte Adlige Hilfe brauchten, doch diese Hilfen machten sie politisch erpressbar. Der Earl of Buckingham verlor beim Basset alles und musste beim König vorsprechen, der ihn rettete – und zugleich abhängig machte. Unter Georg IV. erreichten die Schulden neue Dimensionen. Schon als Prinz Regent häufte er astronomische Beträge an. Spötter behaupteten, er habe „mehr Schulden als England Kolonien“. Hinzu kamen die Duelle, die aus Spielschulden entstanden. Zeitungen berichteten von Pistolen-Duellen im Morgengrauen, die mit einem falschen Einsatz am Vortag begonnen hatten. Glücksspiel am englischen Hof war damit nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein tödliches Risiko.
In Russland wiederum wurden Spielschulden zu einem Werkzeug der Machtpolitik. Unter Katharina der Großen waren Spielabende Teil des höfischen Lebens. Fürst Kurakin verlor bei einer Baccara-Partie derart hohe Summen, dass er Ländereien an den Hof verpfänden musste. Katharina nutzte solche Situationen, um Loyalität zu erzwingen. Wer seine Schulden nicht mehr begleichen konnte, verlor nicht nur Reichtum, sondern auch politische Unabhängigkeit. Besonders drastisch war, dass Adlige häufig ihre Leibeigenen als Sicherheit setzten. Damit wurden die abstrakten Schulden mit dem Schicksal und der Freiheit von Menschen bezahlt – ein Skandal, der selbst ausländische Diplomaten empörte.
Ob in Versailles, Windsor oder St. Petersburg: Spielschulden waren mehr als private Katastrophen. Sie waren Ausdruck eines Lebensstils, in dem Reichtum und Risiko eng verbunden waren. Zugleich waren sie ein politisches Instrument, das Könige und Fürsten nutzten, um ihre Macht zu festigen. Schulden machten abhängig, öffneten Raum für Erpressung und beschädigten das Ansehen der Monarchien. Die Geschichten von ruinösen Abenden in Versailles, von Duellen im Morgengrauen in Windsor und von verpfändeten Bauern in St. Petersburg zeigen die Schattenseite des höfischen Spiels. Glücksspiel war eine Bühne der Macht – und Spielschulden waren die Skandale, die den Glanz verdunkelten.
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Kurzquellen Saint-Simon: Mémoires. – Fraser, Antonia: King Charles II. – Massie, Robert K.: Catherine the Great. – Ashton, John: The History of Gambling in England. – Zeitgenössische Briefe und Pamphlete.
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