
Baccara, vermutlich in Italien entstanden und in Frankreich populär gemacht, war seit dem 17. Jahrhundert am Hof von Versailles fester Bestandteil der gesellschaftlichen Rituale. Die Regeln waren einfach: Mit zwei oder drei Karten musste man möglichst nahe an die Zahl Neun herankommen. Doch die Einsätze waren hoch, und gerade diese Mischung aus Einfachheit und Risiko machte den Reiz aus. Zeitgenössische Chronisten berichten von Verlusten, die den Wert ganzer Landgüter überstiegen. Wer am Baccara-Tisch spielte, zeigte nicht nur Reichtum, sondern auch aristokratische Großzügigkeit. Der Herzog von Richelieu etwa soll bei einer Partie so viel verloren haben, dass er ein Landgut verkaufen musste – und dennoch wurde er dafür bewundert, weil er Mut und Haltung bewies.
Faro erlebte seinen Höhepunkt im 18. Jahrhundert. Es war die vereinfachte Variante des älteren Basset und bestach durch Tempo und leichte Regeln. Die Spieler setzten auf bestimmte Kartenwerte, der Bankhalter deckte Karte für Karte auf, und jede Entscheidung brachte sofort Gewinn oder Verlust. Diese Dynamik machte Faro zum beliebtesten Gesellschaftsspiel der Salons in Paris und London. In Windsor verbrachten Adlige ganze Nächte am Faro-Tisch. Lady Castlemaine, die berühmte Mätresse Karls II., soll in einer Nacht mehr verspielt haben, als die Krone in einem Jahr einnahm. Kritiker warnten vor dem „Faro-Fieber“, das Vermögen und Familien zerstörte. Trotzdem galt es als unverzichtbarer Bestandteil höfischer Kultur. Wer nicht mitspielte, riskierte, aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu werden.
Whist schließlich stand für eine andere Facette des Spiels. Es entstand in England um 1700 und gilt als Vorläufer des modernen Bridge. Anders als Baccara und Faro beruhte Whist nicht nur auf Glück, sondern verlangte Strategie, Gedächtnis und Zusammenarbeit. Vier Spieler bildeten zwei Paare, und es galt, Stiche zu gewinnen und zugleich die ausgespielten Karten zu verfolgen. Der Geistliche Edmund Hoyle veröffentlichte 1742 sein berühmtes „Short Treatise on the Game of Whist“* – das erste systematische Regelwerk zu einem Kartenspiel. Damit wurde Whist zum Symbol des intellektuellen Anspruchs des Adels. In Windsor und St. Petersburg war es besonders beliebt, und selbst Katharina die Große veranstaltete regelmäßige Whist-Runden. Wer an ihrem Tisch Platz nahm, wusste, dass er mehr als Karten spielte: Haltung und Selbstbeherrschung waren ebenso gefragt wie strategisches Denken.
Baccara, Faro und Whist zeigten, dass Glücksspiel am Hof weit mehr war als Unterhaltung. Baccara stand für aristokratische Eleganz, Faro für Leidenschaft und gesellschaftlichen Rausch, Whist für Intellekt und Disziplin. Gemeinsam machten sie das Glücksspiel salonfähig, prägten das Bild des „königlichen Spiels“ und legten die Grundlagen für die moderne Casinokultur. Baccara entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum Klassiker in Monte Carlo, Faro wurde vor allem in den USA populär, und Whist bereitete den Weg für Bridge, das bis heute weltweit gespielt wird. Noch heute erinnern diese Spiele daran, dass Glücksspiel nicht nur über Gewinn und Verlust entschied, sondern auch über Status und gesellschaftliche Zugehörigkeit. Sie waren Prüfsteine aristokratischer Haltung – und sind bis heute ein fester Bestandteil der Glücksspielgeschichte.
Im nächsten Teil lesen sie: Spielschulden und Skandale – wenn Könige und Fürsten am Spieltisch alles riskierten
Lesen sie hier: Versailles, Windsor und St. Petersburg – Glücksspiel am Hof der Könige
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Kurzquellen Elias, Norbert: Die höfische Gesellschaft. – Ashton, John: The History of Gambling in England. – Hoyle, Edmund: A Short Treatise on the Game of Whist. – Fraser, Antonia: King Charles II. – Massie, Robert K.: Catherine the Great.
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