Interview mit Ulrich Schmidt: „Mit Fakten gegen Mythen“

Ulrich Schmidt: Nur mit gut fundiertem Faktenmaterial lassen sich die politischen Debatten über die Branche künftig bestehen, ist sich FORUM-Vorsitzender Ulrich Schmidt sicher. Diesen Ansatz fordert und fördert er auch beim Umgang mit dem Thema „pathologisches Spiel“.

Frage: „Wir können uns nicht nur um Betriebswirtschaft kümmern. Wir müssen uns wieder mehr auf den politischen Dialog konzentrieren.“ Das war eine zentrale Aussage Ihrerseits auf der letzten Sitzung des FORUM. Ist dies ein Signal für eine neue Weichenstellung?

Ulrich Schmidt
Ulrich Schmidt
Ulrich Schmidt: Die neue Spielverordnung hat unserem Wirtschaftszweig neue Perspektiven geöffnet, um die wir fast ein Jahrzehnt mit der Politik gerungen hatten. Daher war es richtig, dass wir uns zunächst darauf konzentrierten, unseren Mitgliedern Angebote und Hilfen für die Weiterentwicklung des jeweils eigenen Geschäftes zu machen. Die drastischen Veränderungen im Markt zeigen, dass unser Kurs richtig war und auch für die nächsten Jahre richtig bleibt. Unsere Mitglieder bringen in hohem Maße unternehmerische Kompetenz aus eigener Erfahrung in das FORUM ein. Gleichzeitig hat aber jedes Mitglied auch Anspruch darauf, die Quintessenz aus diesen Erfahrungen zurückzubekommen. Mit neuen, preisgünstigen und interessanten Spielen haben wir neue Kunden gewinnen können. Wir haben wirtschaftlichen Erfolg und dies führt dazu, dass wir seit geraumer Zeit einen immer stärkeren Gegenwind zu verspüren bekommen. Da sind zum einen die Anbieter des staatlich regulierten Glücksspielmarktes, an Ihrer Spitze die Spielbanken. Da sind zum anderen sicherlich auch Neider unseres Erfolges, aber auch Menschen, die sich ernsthaft Gedanken um jene Wenigen machen, die mit unserem Freizeitangebot persönliche Probleme bekommen. Da sind aber auch Initiativen und Aktivitäten auf verschiedenen politischen Ebenen….

Sie meinen sicherlich die Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages?

Ulrich Schmidt: Ja, dazu gehören sicherlich die Initiativen der Grünen auf Bundesebene, die zur Anhörung im Gesundheitsausschuss im Deutschen Bundestag geführt hatten. Dazu gehören aber auch Initiativen in Baden-Württemberg. Seit Sommer 2007 haben uns Parlamentarier der SPD-Landtagsfraktion im „Visier“. Mitte Oktober wird es im Finanzausschuss des Landtages Baden-Württemberg eine öffentliche Anhörung zum Thema „Glücksspiel“ geben. Der Abgeordnete Ingo Rust hat bereits im Januar 2008 in einer Plenarrede seine politische Parole ausgegeben, die da lautet: „Der große Bereich der Spielhallen ist völlig unzureichend geregelt. Das müssen wir dringend noch angehen. Wir werden keine Ruhe geben, bis auch in diesem Bereich Spielerschutz, Jugendschutz und Suchtprävention gewährleistet werden.“ (Landtag Baden-Württemberg, 14. Wahlperiode, 39. Sitzung, 30. Januar 2008, Seite 2.596). Dies sind die Themen, wo wir mit Fakten und aktivem Handeln zeigen müssen, dass wir hier keine Defizite aufzuweisen haben, ganz im Gegenteil.

Abweichend vom eher traditionellen Politikstil der Branche, arbeiten Sie im FORUM sehr intensiv mit wissenschaftlichen Studien und Umfragen.

Ulrich Schmidt: Das ist richtig und der heutigen Zeit angemessen. Schließlich haben wir ja auch die traditionellen Zeiten in unserem wirtschaftlichen Tun hinter uns gelassen. Gerade Baden-Württemberg zeigt, dass es nichts nutzt, wenn man glaubt, gute Argumente zu haben. Diese Debatten besteht man nur, wenn man die eigenen Argumente mit wissenschaftlich verifizierbaren Fakten untermauern kann. So bin ich stolz darauf, dass wir im FORUM mit dafür gesorgt haben, dass mit unserer Unterstützung die sogenannten Feldstudien 2007, 2008 und 2009 realisiert werden konnten. Mit diesen „Trümper-Studien“ liegt fundiertes und verifizierbares Material über den Status Quo unseres Wirtschaftszweiges vor.

Was sind die Essentials oder wesentlichen Erkenntnisse aus diesen sehr umfangreichen Untersuchungen?

Ulrich Schmidt: Welche Erkenntnisse ich aus den Studien ziehe, ist nicht das Entscheidende. Wichtig ist, was die Öffentlichkeit und hier insbesondere die Politik daraus für Schlüsse ziehen kann. Da steht an oberster Stelle sicherlich die Erkenntnis, dass die Zahl der Spielhallen eben nicht explosionsartig angestiegen ist. Da steht auch die Erkenntnis, dass die Spielverordnung im Sinne der politischen Vorgaben umgesetzt worden ist.
Der Spielerschutz funktioniert. Das Mehrfachbespielen von Geld-Spiel-Geräten ist auf einen historisch niedrigen Wert geschrumpft. Dies zeigt, dass es richtig war, die Dynamik des Spiels bei klar definierten Obergrenzen für Einsätze, Verluste und Gewinne, zu erhöhen. Bei unserem Angebot ist somit die Gefahr von Vermögensverlusten in kurzer Zeit durch die PTB-geprüften Geräte ausgeschlossen. Und das ist auch gut so. Ebenfalls eindrucksvoll ist die Umsetzung des von der Politik geforderten Abbaus von Fungames. Fast 80.000 Geräte sind seit Januar 2006 vom Markt verschwunden. Das war ein Kraftakt! Die dahinter stehenden immensen Einnahme-Ausfälle hat die Branche bis heute noch nicht vollständig kompensieren können. Und dennoch gilt: Der Abbau der Fungames war und bleibt ein Erfolg! In der Summe sind die Trümper-Studien Beleg dafür, dass die von der Politik beabsichtigte Zielsetzung mit der neuen Spielverordnung umfassend erreicht wurde.

Und wie konkret steht es mit dem Spieler- und Jugendschutz?

Ulrich Schmidt: Zunächst aus internen unternehmerischen Gründen hat die Schmidt-Gruppe das Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb- und Automatisierung beauftragt, die Entwicklung des durchschnittlichen Spieleraufwandes pro Stunde zu ermitteln. Aber dann ist mir sehr schnell die politische Tragweite der Ergebnisse klar geworden. Die Fallstudie des Fraunhofer-Instituts zeigt für die Jahre 2007 und 2008 eindrucksvoll, dass der durchschnittliche Spieleraufwand pro Stunde deutlich gesunken ist. Er lag weit unter dem politisch fixierten Maximalwert von 33 Euro pro Spielstunde. Bereits nach durchschnittlich 100 Spielstunden unterschreiten rund 98% der Geräte diese magische Grenze deutlich.
Die wenigsten hatten dieses Resultat in so kurzer Zeit für umsetzbar gehalten. Sicherlich auch ein Erfolg des Engagements der Physikalisch-Technischen-Bundesanstalt (PTB). Hatte der Spielgast 2007 einen Aufwand von 16,59 Euro je Spielstunde, so reduzierte sich dieser auf 13,95 Euro in 2008. Tendenz weiter sinkend. Dies ist Spielerschutz in Realität!

Und für diese Menschen denken Sie über neue Wege der Hilfestellung nach?

Ulrich Schmidt: Ja, in der Tat. Ich glaube wir müssen uns nachhaltiger mit den Problemen der Wenigen beschäftigen, damit die Vielen auch zukünftig unser Freizeitangebot in seiner jetzigen Form problemlos nutzen können.
Der Umgang mit dem Thema „pathologisches Spiel“ muss von uns entmystifiziert werden. Nicht alle Kritiker sind „Schreihälse“, auch wenn manche dogmatischen Kritiker mit dazu beigetragen haben, die Fronten zu verhärten. Hier will ich auch ganz klar unterscheiden, denn Dogmatiker verschließen sich jedem sachlichen Dialog.
Wir müssen uns an diesen ungewohnten Gedanken gewöhnen und uns dem Thema „pathologisches Spiel“ konstruktiver als in der Vergangenheit annähern. Das ernst nehmen der Position des Anderen und nicht die Verleugnung des pathologischen Spiels kann hier neue Dialoge initiieren. Pathologisches Spiel ist viel zu komplex, als dass man es nur einer Position zuschreiben kann. Pathologische Spieler sind auch nicht nur Opfer, sondern haben ihren Teil der Verantwortung für die eigene Situation. Dies verdeutlicht, dass wir Automaten-Unternehmer auch nur unseren Teil der Verantwortung übernehmen können und zukünftig wollen.

Was bedeutet dies konkret?

Ulrich Schmidt: Wir wollen also unseren Teil an Verantwortung übernehmen. Daher hat meine Unternehmensgruppe in den letzten 12 Monaten gemeinsam mit der psychologischen Unternehmensberatung Hazelnut, Dortmund, ein praktikables Konzept zur nachhaltigen Hilfe für Spieler mit pathologischem Spielverhalten erarbeitet. Der Erstkontakt entstand über das FORUM. Wir haben ihn damals dankbar aufgegriffen und die Ideen für uns umgesetzt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden umfangreich qualifiziert und auf die neue Herausforderung vorbereitet. Anfang Oktober werden wir in die Umsetzungsphase gehen. Natürlich wird diese wissenschaftlich begleitet und fortlaufend evaluiert, damit die Nachhaltigkeit unseres Tuns dokumentiert werden kann. Unser Wissen stellen wir natürlich dem FORUM zur Verfügung, denn nur so können wir der Branche ein höheres Maß an Zukunftssicherheit bieten. Davon bin ich überzeugt.

Auch hier eine Weichenstellung, die beispielhaft ist?

Ulrich Schmidt: Ich glaube, ja! Mit diesen Fakten und innovativen Konzepten sind wir gut bis hervorragend für den politischen und gesellschaftlichen Dialog aufgestellt. Nun liegt es an uns, diesen Dialog anzuschieben und unsere Informationen weiter zu geben. Das genau ist die Herausforderung unserer Arbeit, die wir in den kommenden Monaten intensivieren und auf eine breite personelle Basis stellen müssen. Wir haben überzeugende Fakten, verifizierbare Studien und innovative Ansätze um soziale Verantwortung für unsere Form des Freizeitangebotes zu übernehmen. Und: das FORUM wird wieder einen wertvollen Beitrag für die gesamte Unterhaltungsautomatenwirtschaft leisten.

Zitate:

Die Branche hat die neue Spielverordnung in allen Facetten eindrucksvoll umgesetzt. Die Fakten belegen, dass die Ziele der Politik erreicht sind.

Wir müssen uns an den ungewohnten Gedanken gewöhnen, uns dem Thema pathologisches Spiel konstruktiver als in der Vergangenheit anzunähern.