Keine Schadensersatzansprüche wegen der Untersagung der Sportwettenvermittlung

Pressemitteilung des Bundesgerichtshofs

Der unter anderem für Ersatzansprüche gegen die öffentliche Hand zuständige III. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat die Abweisung der Klagen von zwei Gewerbetreibenden bestätigt, denen in den Jahren 2006 und 2007 auf der Grundlage des seinerzeit geltenden Lotteriestaatsvertrags die Vermittlung von Sportwetten untersagt worden war. Beklagte waren zwei nordrhein-westfälische Städte, die entsprechende Verbote ausgesprochen hatten, und das Land Nordrhein-Westfalen, dessen Innenministerium nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 28. März 2006* mit einem an die Bezirksregierungen gerichteten Erlass vom 31. März 2006 um die konsequente Durchsetzung des seinerzeitigen staatlichen Sportwettenmonopols ersucht hatte. Die Kläger haben Ersatzansprüche mit der Begründung geltend gemacht, das Monopol habe gegen europäisches Recht verstoßen, so dass die Untersagungsverfügungen rechtswidrig gewesen seien.

Der III. Zivilsenat hat entschieden, dass die Klagen unbegründet sind. Zwar haben sich die Verfügungen als rechtswidrig herausgestellt, weil das Sportwettenmonopol gegen das Recht der Europäischen Union verstieß. Jedoch war die Rechtslage bis zu den Urteilen des Gerichtshofs der Europäischen Union (EuGH) vom 8. September 2010** unklar. Erst aus diesen Entscheidungen ergab die Unzulässigkeit des deutschen staatlichen Sportwettenmonopols zweifelsfrei. Deshalb fiel den Behörden weder ein für einen unionsrechtlichen Staatshaftungsanspruch notwendiger qualifizierter Rechtsverstoß noch ein für einen Amtshaftungsanspruch gemäß § 839 Abs. BGB***, Art. 34 Satz 1 GG**** notwendiges Verschulden zur Last. Für die Zeit danach kam ein Ersatzanspruch nicht in Betracht, weil nicht festgestellt werden konnte, dass die Kläger die Voraussetzungen für die Erteilung einer Erlaubnis für ihr Gewerbe erfüllten, und es nach den Entscheidungen des EuGH weiterhin zulässig ist, die Veranstaltung und Vermittlung von Sportwetten unter einen Erlaubnisvorbehalt zu stellen.

Der Senat hat auch einen verschuldensunabhängigen Ersatzanspruch aus § 39 Abs. 1 Buchst. b des Ordnungsbehördengesetzes des Landes Nordrhein-Westfalen***** verneint. Diese Vorschrift erfasst nach gefestigter Rechtsprechung nicht Schäden, die durch mit der Verfassung unvereinbare Gesetze und deren Vollzug verursacht werden (legislatives Unrecht). Dies gilt, wie der Senat in seinen heutigen Entscheidungen ausgeführt hat, gleichermaßen, wenn nationale Gesetze (hier die Bestimmungen über das Sportwettenmonopol) gegen Unionsrecht verstoßen. Auch das Unionsrecht fordert keine verschuldensunabhängige Haftung für legislatives Unrecht. Aus der Rechtsprechung des EuGH ergibt sich, dass auch in diesen Fällen eine Haftung nur unter den – hier nicht erfüllten – Voraussetzungen eines hinreichend qualifizierten Verstoßes gegen EU-Recht geboten ist.

* BVerfGE 115, 276 ff.

** Carmen Media (NVwZ 2010, 1422), Stoß u.a. (NVwZ 2010, 1409) und Winner Wetten (NVwZ 2010, 1419).

***“Verletzt ein Beamter vorsätzlich oder fahrlässig die ihm einem Dritten gegenüber obliegende Amtspflicht, so hat er dem Dritten den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen.“

****“Verletzt jemand in Ausübung eines ihm anvertrauten öffentlichen Amtes die ihm einem Dritten gegenüber obliegende Amtspflicht, so trifft die Verantwortlichkeit grundsätzlich den Staat oder die Körperschaft, in deren Dienst er steht.“

*****“Ein Schaden, den jemand durch Maßnahmen der Ordnungsbehörden erleidet, ist zu ersetzen, wenn er

b) durch rechtswidrige Maßnahmen, gleichgültig, ob die Ordnungsbehörden ein Verschulden trifft oder nicht, entstanden ist.“

Urteile vom 16. April 2015

III ZR 204/13

LG Bochum – 5 O 5/11 – Entscheidung vom 9. September 2011

OLG Hamm – I-11 U 88/11 – Entscheidung vom 3. Mai 2013

und

III ZR 333/13

LG Bochum – 5 O 156/10 – Entscheidung vom 9. September 2011

OLG Hamm – I-11 U 89/11 – Entscheidung vom 14. Juni 2013

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7 Kommentare zu diesem Artikel

  1. nat sys
    Geschrieben am 16.04.2015 um 19:00 Uhr

    „Die Verfügungen haben sich als rechtswidrig herausgestellt, weil das Sportwettenmonopol gegen das Recht der Europäischen Union verstieß….“ allerdings….
    Schadensersatz vom Staat..???
    NEIN POLITISCH NICHT GEWOLLT – da wird sich schon eine Begründung für finden!!!

  2. nat sys
    Geschrieben am 16.04.2015 um 19:01 Uhr

    NEIN POLITISCH NICHT GEWOLLT – da wird sich schon eine Begründung für finden!!!
    Festzuhalten ist eigentlich nur:
    RECHT WURDE GEBEUGT und ES BLEIBT OHNE FOLGEN.
    Armes Deutschland! Die Willkür der Rechtsbeugung seitens der Behörden darf weitergehen-mit so einem Staat im Rücken gibt es wahrlich nichts zu befürchten.
    Ich habe auf jeden Fall fertig!

  3. Frieder Backu
    Geschrieben am 17.04.2015 um 13:30 Uhr

    1. Staatshaftung ist in Deutschland nicht beliebt. Nach zwanzigjähriger Vorarbeit trat 1982 das Staatshaftungsgesetz des Bundes in Kraft. Dieses wurde mangels Gesetzgebungskompetenz für nichtig erklärt. 1994 wurde daher das Grundgesetz geändert. Das als mangelhaft empfundene Staatshaftungsrecht wurde dennoch bis heute nicht modifiziert. Die Änderung hätte zusätzliche Kosten verursacht (vgl. zur Entwicklung Tremml/Karger/Luber, Der Amtshaftungsprozess Seite 5 ff.).

  4. Frieder Backu
    Geschrieben am 17.04.2015 um 13:34 Uhr

    2. Wenn jedoch durch die höchstrichterliche Rechtsprechung die Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen trotz offensichtlicher Verstöße gegen Unionsrecht verhindert wird und im Ergebnis niemand haften soll, ist dies unerfreulich und mit dem effet utile Grundsatz nicht vereinbar. Dessen ungeachtet passt dies zum Bild, wie sich Deutschland vertreten durch den Gesetzgeber, die Verwaltung und Teile der Rechtsprechung im Bereich des Glücksspiels seit vielen Jahren präsentiert.

  5. Frieder Backu
    Geschrieben am 17.04.2015 um 13:35 Uhr

    3. Es wäre wirklich Zeit für mutige, aber richtige (auch Gerichts-) Entscheidungen.

  6. Rolf Karpenstein
    Geschrieben am 17.04.2015 um 22:43 Uhr

    Hier ist Richterschelte fehl am Platz. Die Pressemitteilung ist spricht für sich selbst.

  7. A.Herne
    Geschrieben am 18.04.2015 um 10:25 Uhr

    Verfassungsbeschwerde. Ich hoffe jemand geht diesen Weg.

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