Einer wie „Keiner“ in Vegas

Michael Keiner
Poker-Experte
E-Mail: laserase@aol.com


Impressionen von der World Series of Poker 2006 Teil 3

Der Main Event

Was ist der schwärzeste Tag im Kalenderjahr eines Pokerspielers? Eine gebräuchliche Floskel sagt, es ist der Tag, an dem er aus dem Main Event der WSOP rausfliegt. Aber welcher Moment könnte diese Erfahrung noch übertreffen? Es ist der Augenblick, in dem man endgültig realisiert, dass man erst gar nicht am Main Event teilnehmen wird.

Nach meiner äußerst bescheidenen Turnierperformance während den vorhergehenden 4 Wochen, ohne Sponsorvertrag und ohne einen Platz im Internet gewonnen zu haben, entschloss ich mich, die 10.000 US$ Startgeld nicht in bar auf den Tisch zu legen und überhaupt nicht am „Big One“ teilzunehmen. Es ist der 27. Juli, Vorabend des Tag 1. Ich sitze in einer 50/100 US$ Limit 7 card Stud Hi/lo Partie, die mir aufgrund der spielerischen Zusammensetzung äußerst profitabel erschien. Nachdem ich ca. 3.500 US$ vorne liege, es ist bereits 2 Uhr morgens am 28. Juli, verabschieden sich die „interessanten“ Spieler einer nach dem anderen und ich beschließe ebenfalls, es für heute gut sein zu lassen.

Ich bin bereits auf dem Weg zum Auto und plötzlich bricht es mit aller Macht auf mich ein; „the Big One“ startet in wenigen Stunden – ohne mich. Inspiriert vom vorhergehenden Erfolg im Cashgame mache ich auf dem Absatz kehrt und um mir selbst noch eine Chance zu geben. Im Satellitebereich werden immer noch non stop 1.000 $ buy in „Sit and Go’s“ für den Main Event angeboten. Sobald 10 Spieler zusammenkommen, die jeweils 1.000 $ auf den Tisch legen, geht’s los und der Sieger dieses Miniturniers erhält einen Platz im Hauptturnier.

Sofort finde ich einen passenden Tisch und 3 Stunden später sind nur noch 3 Teilnehmer übrig und ich bin im Besitz von 50 % der am Tisch vorhanden Chips. Sollten die Pokergötter vielleicht doch ein Einsehen haben und gewillt sein, mich in den Main Event zu schicken? Nachdem im bisherigen Verlauf des Satellites geschickte Strategien unter weitgehender Vermeidung eines Showdowns ausschlaggebend waren, ist jetzt blanke Qualität gefragt. Ich muss versuchen, meine Gegner mit der besseren Hand „all-in“ zu setzen und die Hand muss dann auch noch halten. Doch die kommenden 30 Minuten zwingen mich gnadenlos auf den Boden der Realität zurück: Zuerst verliere ich AQ gegen A6, danach KQ gegen QJ, meine Gegner waren jeweils vor dem Flop all-in. Jetzt bin ich selbst short-stacked und gehe schließlich mit einem Paar 8 all-in. Sofort callt mich einer meiner Opponenten mit einem Paar 5. Wie selbstverständlich erscheint gleich als erste Karte im Flop eine 5 und ich bin draußen.

Bei allem gesunden Optimismus muss ich jetzt wohl endgültig einsehen, dass eine Teilnahme am großen Turnier einfach nur rausgeworfenes Geld wäre. Zugegebenermaßen etwas deprimiert schleiche ich mich zurück in mein Apartment, mit dem endgültigen Wissen, dass die Show dieses Jahr ohne mich über die Bühne gehen wird. Aber 2007 wird es wieder eine Weltmeisterschaft geben, my kingdom will come…

Am 28. Juli ging dann der Hype endgültig los; 8773 Pokerjunkies aus aller Welt hatten entweder 10.000 US$ auf den Tisch geblättert oder aber ihren begehrten Platz im Internet bei einem Onlineturnier gewonnen, um am größten Pokerturnier des Planeten teilzunehmen. Da selbst der riesige Amazon Room des RIO nur 2050 Teilnehmer auf einen Schlag verkraften konnte, wurde der Tag 1 des Turniers insgesamt 4x ausgetragen, wobei die Teilnehmer in 4 etwa gleichstarke Felder A bis D aufgeteilt wurden. Die restlichen 573 Spieler waren so genannte „Alternates“ und wurden in etwa gleichmäßig den jeweiligen Gruppen zugewiesen. Sobald ein Spieler während der ersten 3 Stunden aus dem Turnier ausschied, nahm einer der Alternates seinen Platz ein. Ziel des Tag 1 war es, die einzelnen Teilnehmerfelder von 2200 auf ca. 800 Spieler zu reduzieren. Bemerkenswerte Tatsache am Rande: Allein am Tag 1A tauchten 126 Spieler, die 10.000 US$ Startgeld bezahlt hatten, niemals auf, um zu spielen. Es handelte sich hier allesamt um Onlinegewinner. Das Phänomen ist relativ leicht zu erklären; einerseits gibt es etliche Kids, die bei der Altersangabe im Internet schummeln. Sie gewinnen einen Platz in der Weltmeisterschaft, können dann aber nicht spielen, weil sie noch minderjährig sind. Anderseits gibt es Teilnehmer aus visapflichtigen Staaten, die einfach keine Einreiseerlaubnis für die USA erhalten haben. Da das Startgeld nicht rückerstattbar ist, wird es nach Abzug der 8 % Harrah’s Gebühr dem gesamten Preisgeldtopf zugeordnet. Ich kenne nicht die genauen Zahlen der „non show up’s“ an den Tagen B, C und D, aber hochgerechnet müssten etwa 4,5 Millionen US$ an wirklich totem Geld in den Topf gewandert sein.

Phänomenal liest sich auch die Preisgeld Struktur: Zunächst einmal schnitt sich die Harrah’s Gruppe bescheidene 7 Millionen US$ vom Kuchen ab, die restlichen etwa 80 Millionen $ wurden auf die 870 Erstplatzierten verteilt. Ab Rang 63 gab es mindestens 100.000 $, alle 9 Finalisten waren zumindest frischgebackene Millionäre und für den Sieger gab es gigantische 12 Millionen US$ zu gewinnen.

Schon an den jeweiligen 4x Tag 1 dominierten die Onlinequalifikanten völlig das Geschehen und 80 % der etablierten Stars mussten das weitere Turnier aus dem Zuschauerbereich verfolgen. Die meisten Youngsters spielten vom Start weg hyperaggressiv, die Blinds und Pots wurden gnadenlos überraist. Die Ursache für dieses Verhalten ist relativ leicht zu erklären. Viele der Onlinespieler gewannen ihren Sitz mit einem Einsatz von wenigen Dutzend US$ über Internetsatellites und dementsprechend spielten sie die Weltmeisterschaft, als ob es sich um ein Freeroll Turnier handeln würde. Eine extrem hohe Zahl schied dabei sehr früh aus, aber einige wenige besonders Glückliche konnten sich so schon zu Beginn riesige Stakes aufbauen. Dabei blieben zwangsläufig viele Topspieler mit ihrem logisch technischen Spielaufbau auf der Strecke.

Aber nicht nur Onlinequalifikanten übten sich in der Rolle des Glücksritters. Stellvertretend für die Touristen und Abenteurer, die mal eben einen „Schuss“ auf die Weltmeisterschaft wagen wollten, hier die Geschichte eines 21jährigen Amerikaners: Eric Molina macht mit seinem Vater Urlaub im RIO. 2 Tage vor Beginn des Mainevents löst er seinen Gehaltsscheck ein und spielt Black Jack. Er gewinnt 1,000 US$ und setzt sich damit in ein Single Table Satellite für den Main Event, welches er ebenfalls gewinnt und jetzt mit von der Partie ist. Er bietet anschließend noch seinem Vater an, sich mit 5,000 $ zur Hälfte an seinem Abenteuer zu beteiligen, der Vater lehnt dies aber kopfschüttelnd lächelnd ab. Eric hatte bis dahin noch niemals ein Pokerturnier gespielt, aber enormes Glück auf seiner Seite. Er beendet den Main Event als 31. und erhält dafür knapp 330,000 US$. Ach ja, während Eric sich durch das Feld kämpft, verliert sein Vater ziemlich exakt 5,000 US$ beim Black Jack.

Die Performance der deutschsprachigen Teilnehmer war leider nicht von einer überschäumenden Menge an Glück begleitet. George Danzer wurde 305. und der Österreicher Markus Golser, einer der besten Cashgame Omaha Spieler der Welt, wurde 239. Er schied fast zeitgleich mit dem amtierenden Weltmeister Joe Hachem aus, der das Turnier als 238. beendete. Bester deutscher Teilnehmer wurde Sebastian Zavarsky aus Reckendorf, der als 81. immerhin fast 66,000 US$ mit nach Hause nehmen durfte. Von der lokalen Presse nahezu unbeachtet, kämpfte sich der Schweizer Jungprofi Marc Friedmann weit nach vorne. Der 29jährige spielt seit 3 Jahren Poker, vorwiegend online, aber seit 2 Jahren besucht er auch regelmäßig internationale Turniere. Bestes bisheriges Ergebnis war ein Sieg beim Hauptturnier 2005 in Bregenz, wo er übrigens Heads up den vorher erwähnten Markus Golser besiegte. Marc schied hier in Vegas als 39. aus, wobei ihn sein Preisgeld in Höhe von 247,000 US$ sicher ein wenig trösten konnte.

Unter den letzten 27 Spielern fand man noch ganze 2 Profis, Jeff Lisandro aus Australien und Allen Cunningham aus Kalifornien. Jeff schied als 17. aus, während Allen am Tag vor dem Finale mächtig aufdrehte und schließlich als 2. Chipleader mit 17,7 Millionen das Finale hinter dem bisher kaum bekannten Jamie Gold aus Malibu/CA (25,5 Millionen) begann.

(Der vorliegende Artikel ist in Printform auch im deutschen Pokermagazin nachzulesen.)

Euer Michael

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