Interview: Nettes Lächeln, unschuldiger Blick. Schwer zu erkennen, was in den hübschen Köpfen vor sich geht.

Kirsten Weiß, Floorman der Hamburg Poker Masters im Casino Esplanade, über Frauen und Poker. Casino Esplanade News (CNN) fragte, ob Frauen anders pokern.

Poker gilt noch als Männerdomäne. Früher dominierten dabei dicke Zigarren, verrauchte Saloons, Whisky. Heute sind es Sonnenbrille und MP3-Kopfhörer, die man zum Pokerface trägt. Dabei war Poker nie nur Männersache. Doch der Mythos Cowboy prägte das Pokerspiel. Dabei saßen auch im Wilden Westen Frauen am Tisch. In Boston gab es sogar ein Casino nur für Frauen. Sie blieben allerdings unter sich. Calamity Jane spielte mit Wild Bill Hickock. Die Poker Cracks von heute schaffen es in den Spiegel – wie Sandra Naujoks – oder auf den Titel der Financial Times – wie Katja Thater.

Casino Esplanade News: Bei den Hamburg Poker Masters 2010 gehören Sie zum Organisationsteam. Was bietet das Hamburger Turnier für Frauen?

Kirsten Weiß: Bei den Hamburg Poker Masters haben Frauen ihr eigenes kleines Turnier. Am 
19. Mai 2010 geht es für die Damen um 20.30 Uhr an die Startplätze, nachdem sie sich vorher ab 
20 Uhr an einem Buffet des Restaurants Tarantella gestärkt haben.

CNN: Sind heute Frauen öfter am Tisch?

Weiß: Nach Untersuchungen spielen Frauen heute mehr Poker als früher. Heute sind fast 30 Prozent der Spieler weltweit Frauen, 2004 waren es gerade 15 Prozent. In Deutschland allerdings ist diese Bastion der Männer noch nicht gefallen. Hier pokern weniger Frauen als Männer. Das hängt sicher auch mit traditionellen Klischees und vermeintlich typischen Frauenrollen in der deutschen Gesellschaft zusammen.

CNN: Frauen sind anders – auch beim Poker? Männer tragen MP3-Player, dicke Kopfhörer und ein cooles Gesicht. Und Frauen, was tragen sie zum Poker?

Kirsten Weiß mit Anestis Karasavvidis, Turnierleiter der Hamburg Poker Masters 2010
Kirsten Weiß mit Anestis Karasavvidis, Turnierleiter der Hamburg Poker Masters 2010
Weiß: Frauen tragen durchaus auch MP3-Player, Sonnenbrillen und ein cooles Gesicht, jedoch haben sie zusätzlich noch die sogenannten weiblichen Waffen, mit denen kein Mann mithalten kann. Ein nettes Lächeln gepaart mit einem unschuldigen Blick… da fällt es sicherlich schwer richtig zu erkennen, was in den hübschen Köpfen vor sich geht.

CNN: Gibt’s einen genetischen Code, der Frauen anders fürs Poker ausrüstet als Männer?

Weiß: Die Antwort ist ja: Frauen haben eine andere Strategie am Pokertisch als Männer. Diese wiederum führt zur Frage: Gehen Frauen mit Informationen anders um. Hier heißt die Antwort: Ja – bezogen auf Poker. Denn Frauen verarbeiten offensichtlich Informationen anders als Männer. Und Poker basiert sowohl auf mathematischen Berechnungen als auch auf der Bewertung dieser Informationen.

CNN: Zum Spiel konkret: Bluffen Frauen anders?

Weiß: Zunächst darf man sich nicht täuschen, dass Frauen zu idealistisch und emotional denken – und deswegen leichtere Gegner sind. Im Gegenteil: Sie sind keinesfalls schlechtere Pokerspieler, auch wenn sie anders spielen. Die Fachliteratur führt manche Spielarten auf, die typisch Frau seien: So seien Frauen schwieriger zu bluffen. Sie neigen eher zu Calls auch wenn die Chancen nicht steigen, vermutlich weil sie ihrer Intuition eher vertrauen. Frauen checken häufiger als Männer. Es gibt wohl so etwas wie eine intuitionsbedingte Vorsicht.

CNN: Die Neuropsychologie geht von zwei Gehirnhälften aus. Links arbeitet die (Männer-) Gesellschaft Probleme nacheinander ab, mit Sprache, Mathematik, Logik, Denken, Analyse. Rechts passieren visuelles Denken, Emotionen, Musikalität, ganzheitliche Erfahrung, Körpersprache. Die Effizienz steigt, wenn beide Hälften zugleich arbeiten. Pokern findet primär links statt: Karten werden analysiert, Wahrscheinlichkeiten berechnet. Die rechte bearbeitet mehrere Informationen gleichzeitig. Frauen sind multitasking-fähig. Männer nicht, so das Vorurteil. Wenn Frauen stärker beide Hälften verflechten, ist weibliches Poker ganzheitlicher?


Weiß: Da Frauen besser in der Lage sind verschiedene Dinge gleichzeitig zu tun, haben sie die Fähigkeit, ihre Gegner besser zu studieren, zu beobachten und bekommen dennoch mit, was am Rande geschieht. Keiner sollte unterschätzen, wenn eine Frau einfach nur ganz ruhig am Tisch sitzt und nicht unbedingt die Gesprächigste ist. Es ist nicht so, dass diese Dame nicht weiß was sie tut oder was gerade vor sich geht.

CNN: Reagieren Frauen anders, wenn sie gewinnen oder verlieren? Experten machen das bei Männern stärker präsente Testosteron allgemein für aggressiveres Verhalten verantwortlich.

Weiß: Ob es am Testosteron liegt, mögen Biologen beurteilen Aus meiner Praxis am Tisch weiß ich: Frauen hauen nicht mit der Faust auf den Tisch, wenn sie mal unglücklich verloren haben. Die Damen sind durchaus gefasster und haben ihre Emotionen besser im Griff, was ein eindeutiger Vorteil ist für jeden dem dies gelingt.

CNN: Die Konferenz der Internationalen Vereinigung der Geschicklichkeitssportarten erkannte Poker offiziell als Geschicklichkeitssport wie Schach oder Bridge an. Es soll Meisterschaften geben. Was prognostizieren Sie: Frauen-Teams oder Mixed-Teams wie beim Tennis?

Weiß: Da Frauen ganz eindeutig ernst zu nehmende Gegner im Poker sind, würde ich mich sehr für Mixed-Teams aussprechen und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dem auch so sein wird.