Interview mit Erwin Horak, Präsident der Staatlichen Lotterieverwaltung Bayern, mit Fragen zum aktuellen Wettskandal

Reinhold Schmitt
ISA-GUIDE Chefredakteur (V.i.S.d.P.)
E-Mail: info@isa-guide.de


Erwin Horak ist seit September 1997 Präsident der Staatlichen Lotterieverwaltung Bayern und in Personalunion Chef der neun Spielbanken im Freistaat. Der 59-jährige Jurist leitete bis 1997 das Pressereferat des Finanzministeriums. Chefredakteur von ISA-GUIDE Reinhold Schmitt stellte dem Präsident der Staatlichen Lotterieverwaltung Bayern dazu einige kritische Fragen. Dabei ging es um Frühwarnsysteme, Liberalisierung des Wettmarktes sowie das Problem der illegalen Anbieter im Internet.

ISA-GUIDE Chefredakteur Reinhold Schmitt: Im Zusammenhang mit dem aktuellen Wett-Skandal sehen sich die seit einigen Jahren etablierten verschiedenen Frühwarnsysteme mit Versagens-Vorwürfen konfrontiert, etwa von Bundesliga-Trainer Ralf Rangnick. Wie beurteilen Sie dies?

Erwin Horak, Präsident der Staatlichen Lotterieverwaltung Bayern und Chef der neun Spielbanken im Freistaat.
Erwin Horak, Präsident der Staatlichen Lotterieverwaltung Bayern und Chef der neun Spielbanken im Freistaat.
Erwin Horak: Zunächst ist eines klar zustellen: der jetzige Skandal ist in erster Linie ein Sportskandal. Schließlich waren offenbar Spieler, Vereine bis hin zu Schiedsrichtern bestechlich. ODDSET überwacht das Spielgeschäft mit Unterstützung eines fortlaufend optimierten Kontrollsystems in Echtzeit. So können wir bei Auffälligkeiten sofort reagieren. Darüber hinaus ist ODDSET am nationalen Frühwarnsystem von DFB und DFL und im Rahmen des Monitoring Systems der European Lotteries auch an den internationalen Frühwarnsystemen von UEFA und FIFA beteiligt.

Wichtig ist aber auch, dass ODDSET sehr restriktiv vorgeht. Bei der Zusammenstellung des sehr moderaten Wettangebots ist deshalb eine Vielzahl der Ligen bzw. Spiele, die aktuell im Zusammenhang mit den Ermittlungen genannt werden, nicht im ODDSET-Wettangebot enthalten. Das Wettangebot ist moderat ausgestaltet, auch um Manipulationen im Sport vorzubeugen und die Begleitkriminalität einzudämmen. Insbesondere bei Live-Wetten ergeben sich zwangsläufig massive Anreize zur Einflussnahme auf die jeweiligen Sportereignisse. Den Zuschauern, dem Schiedsrichter und der Öffentlichkeit fällt dies meist gar nicht auf, Frühwarnsysteme können aufgrund der Kurzfristigkeit der Wettangebote nicht funktionieren.

ISA-GUIDE Schmitt: Wieso sollte der Wettmarkt in Deutschland nicht liberalisiert werden?

Horak: Die Entscheidung der Bundesländer für ein ausschließlich staatliches Sportwettenangebot von ODDSET ist eine richtige und wichtige Entscheidung gewesen, um kriminelle Machenschaften einzudämmen, die den Sport korrumpieren. Der aktuelle Sportskandal zeigt einmal mehr, dass die Politik auch in Zukunft am Glücksspielstaatsvertrag festhalten muss, um einem Ausufern des Wettgeschehens einen Riegel vorzuschieben. Ein maßloses und aggressives Sportwettenangebot, mit dem die kommerzielle Glücksspielindustrie Deutschland überfluten will, würde die Manipulationsgefahren für den Sport weiter verschärfen. Es gibt zur staatlich kontrollierten Sportwette ODDSET keine Alternative, um ein Maximum an Sicherheit und Seriosität zu gewährleisten.

Entscheidet sich ein Land wie z.B. Schleswig-Holstein für ein Liberalisierungsmodell, scheidet es zunächst aus der Poolungsgemeinschaft des Deutschen Lotto- und Totoblocks aus. Es muss die geplanten Konzessionen europaweit ausschreiben und dann im europaweiten Steuer- und Abgabenwettbewerb bestehen. Da gelten z.B.: in England Abgabensätze von etwa 2 Prozent, in Gibraltar oder Malta sogar Sätze unter 0,5 Prozent auf die Umsätze beim Glücksspiel. Wenn die Landesregierung in Schleswig-Holstein sich mehr Einnahmen verspricht, indem sie auf den Staatsvertrag und damit auf eine Abgabenquote von etwa 40 Prozent verzichten will, dann kann die Kompensation nur in einer maßlosen, explosionsartigen Steigerung der Umsätze beim Glücksspiel liegen. Schließlich müsste sie ihre Einnahmen mit einer Abgabenquote von etwa 0,5 Prozent erzielen – eine Quote, die etwa 1/80 der derzeitigen Quote entspricht. Einfach die Frage: will die Schleswig-Holsteinische Regierung aus Ihrem Land wirklich ein Las Vegas machen und die Umsätze dort um den Faktor 80 steigern? Will sie wirklich, dass die Schleswig-Holsteiner 80 Mal so viel Geld für Glücksspiel ausgeben wie heute?
  
Eine Liberalisierung würde das Ende der bewährten Förderung des Breiten- und Amateursports sowie des Gemeinwohls bedeuten. Die staatlichen Lotteriegesellschaften fördern den Sport in Deutschland mit rund 500 Millionen Euro aus Lotto und ODDSET jährlich. Darüber hinaus wäre auch der Spielerschutz nicht mehr gewährleistet. Die Gefahr von Wettmanipulationen und Begleitkriminalität bis hin zur Geldwäsche wäre groß. Nach dem Verständnis des Bundesverfassungsgerichts wäre bei einer Liberalisierung auch Lotto gefährdet. Von den 2,5 Milliarden Euro, die pro Jahr für gemeinnützige Zwecke fließen, bliebe nichts mehr übrig.

ISA-GUIDE Schmitt: Welche Auswirkungen hat das auf die Unterstützung für den Breiten- und Amateursport und auch für den Profisport?

Horak: Die staatlichen Lotteriegesellschaften fördern den Sport in Deutschland mit rund 500 Millionen Euro jährlich. Darüber hinaus werden jährlich 2,5 Mrd. Euro an gemeinnützige Zwecke aus dem Bereich Soziales, Karitatives oder Denkmalschutz zur Verfügung gestellt. Mit diesen Mitteln konnte die kontinuierliche Förderung des Breitensports, aber auch unzählige weitere Projekte im Bereich des Amateur-, des Leistungs- und des Nachwuchssports entscheidend gefördert werden. Insbesondere der Breitensport ist auf die Förderung durch Lottogelder angewiesen.
Allerdings ist diese Förderung immer mehr gefährdet. Die kommerziellen Anbieter von Lotterien und Wetten, die mit Sitz in Steueroasen immer noch ihre ausufernden und aggressiven Wett- und Glücksspielangebote in Deutschland anbieten können, tragen hierzu bei. Unternehmen im Ausland sind nicht an der Förderung des Breitensports, sondern nur am werblichen Auftritt bei Profiveranstaltungen interessiert. Durch die Unterwanderung geltenden Rechts gehen den Bundesländern und damit dem Gemeinwohl und dem Sport Fördermittel in dreistelliger Millionenhöhe verloren. Unternehmen in Steueroasen zahlen in Deutschland weder Steuern noch Zweckabgaben oder Gewinnabführungen. Bei uns und damit beim Sport fehlen die Gelder, bei den Unternehmen im Ausland wandern sie als Gewinne in die Kassen der Aktionäre. Sportwettenanbieter im Ausland sind nicht an der Förderung des Breitensports, sondern – wenn überhaupt – nur am werblichen Auftritt bei Premium-Mannschaften interessiert.
Wir appellieren an die Politik, weiter am gemeinwohlorientierten Staatsvertragsmodell festzuhalten, das sich seit mehr als 50 Jahren bewährt hat. Nur wenn konsequent und mit Erfolg gegen die illegalen Anbieter der kommerziellen Glücksspielindustrie vorgegangen wird, kann die bewährte Sportförderung aufrecht erhalten werden.

ISA-GUIDE Schmitt: Wie stellt sich das Problem der illegalen Anbieter aus Ihrer Sicht da? Wie funktioniert das illegale System, was nutzen die Kriminellen aus?

Horak: Eine Vielzahl von kommerziellen Anbietern von Wetten mit Sitz in Steueroasen bieten immer noch ihre ausufernden und aggressiven, aber auch manipulationsanfällige Wettangebote in Deutschland an. Darüber hinaus gibt es immer noch illegale Wettbuden. Die Bundesländer haben dieser Entwicklung zu lange zugeschaut und sind nicht eingeschritten. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Länder jetzt verstärkt gegen die Illegalen vorgehen, etwa indem sie Wettbuden schließen. Auch beim Thema Internet-Anbieter suchen sie meines Wissens nach Lösungen. Besonders hier herrscht noch ein erhebliches Vollzugsdefizit.

ISA-GUIDE Schmitt: Wie kann der Bereich Internet Ihrer Ansicht nach kontrolliert werden?

Horak: Eine wichtige Funktion bei der Einhaltung des Glücksspielstaatsvertrages kommt den Glücksspielaufsichten der Bundesländer im Rahmen ihrer Kontroll- und Überwachungsfunktion zu. Es gibt Ansatzpunkte im Bereich der Banken, was den Zahlungsverkehr angeht. Da finden meines Wissens bereits Gespräche statt. Es könnte zum Beispiel eine Schwarze Liste mit den Kontonummern von Illegalen Wettanbietern erstellt werden. Die Banken müssten dann werden angewiesen werden, kein Geld auf diese Konten mehr zu überweisen. Auch wenn das zu umgehen sein sollte – ich glaube, 80 bis 90 Prozent der Zocker sagen: Diesen Aufwand tue ich mir nicht an, ich eröffne kein Konto in England.
Und es gibt auch Ansatzpunkte bei den Providern. Die Internet-Seiten der Illegalen müssten gesperrt werden. Ich bin zuversichtlich, dass es mittelfristig zu einer Lösung kommt. Allerdings hört man seit Monaten von den Aufsichten nichts mehr über ihre Bemühungen. Ich hoffe, dass dies nicht auf ein Einschlafen der Aktivitäten schließen lässt.

ISA-GUIDE Schmitt: Herr Horak, vielen Dank für das offene Gespräch.