Beobachtungen in Barcelona

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Europa zu Beginn der modernen Zeitrechnung: Ganz Gallien ist von den Römern besetzt, bis, ja bis auf ein winzig kleines Dorf, das erbitterten Widerstand leistet. Dort lebt nämlich ein Druide, Miraculix genannt, der einen Zaubertrank herstellen kann, welcher übermenschliche Kräfte verleiht. Mit diesen Fähigkeiten ausgestattet und angeführt von dem tapferen und schlauen Asterix, sowie dem heldenhaften und nicht ganz so schlauen Obelix, ziehen diese Gallier dann von Zeit zu Zeit los, um einige Römer ordentlich zu vermöbeln. Niederlagen sind aufgrund des Zaubertrankes ausgeschlossen und dass jeder Sieg über die Römer anschließend bei einer Megaparty gefeiert werden muss, versteht sich beinahe von selbst.

Europa im Jahr 2005: Die ganze Welt erlebt einen Boom im Onlinepoker, der auch vor Europa nicht halt macht; mehr und mehr Leute werden von einem Spiel in den Bann gezogen, wo langfristig Taktik, eine ausgefeilte Strategie, Disziplin und Geschicklichkeit lukrative Perspektiven bieten und dem einen oder anderen auch ein attraktives Zusatzeinkommen beschert. Überall auf der Welt gibt es bei diesem Spiel Gewinner und Verlierer (wobei sich beides meistens einigermaßen im Rahmen hält), bis, ja bis auf die Hauptstadt Schwedens. Hier in Stockholm und seinem näheren Umkreis gibt es eine Gruppe von 50 bis 60 jungen (18 bis 24 Jahre alt) Schweden, die wahre Reichtümer beim Onlinepoker anhäufen. Mit wahren Reichtümern meine ich mehrere Millionen US$ binnen Jahresfrist. Niederlagen sind so gut wie ausgeschlossen. Ein Teil dieser begnadeten Truppe machte sich also im September 2005 auf nach Barcelona, um beim diesjährigen Eröffnungsevent der European Poker Tour die jüngsten Onlineerfolge bei einer Megaparty zu feiern.

Was haben diese Jungs gemeinsam?

Alle kommen aus einem Umkreis von etwa 100 km rund um Stockholm, kennen sich untereinander sehr gut und haben ausgezeichnete Computerkenntnisse, einige haben Informatik studiert, bevor der unerwartete (?) Wohlstand eintrat. Kennzeichnend ist auch der sehr leichtfertige Umgang mit Geld, nachvollziehbar, wenn die 500€ Noten nur so aus den Taschen quellen, ein intensiver Hang zu alkoholischen Erzeugnissen, nachvollziehbar, da man seine Erfolge ja auch gebührend feiern will und zum Teil recht bescheidenen Pokerkenntnissen im Livegame, nicht nachvollziehbar, denn wie erklären sich die sagenhaften Gewinne online?

Texas Holdem Pokerchips Das Ganze sah dann in der Praxis so aus: Abends zwischen 20 und 22 Uhr gab man sich im Gran Casino Barcelona ein Stelldichein. Bevorzugtes Spiel war anfangs No Limit Holdem mit 10/20 blinds und einem Minimum buyin von 1.000 Euro. Im Verlauf der Woche wurde das Spiel dann dahingehend abgeändert, das sich rundenweise Omaha Pot Limit und No Limit Holdem abwechselten. Besagte Truppe stellte immer die Mehrheit der Spieler an diesem Tisch dar, manchmal fanden sich ein paar verirrte Seelen ein, die meist etwas verwundert das Geschehen verfolgten. Bevor die Partie überhaupt los ging, bestellten die jungen Herren dann erstmal ein paar Flaschen des teuersten französischen Champagners, der im Haus erhältlich war. 1.000 Euro buyin ? Lächerlich! Kaum einer setzte sich hin, ohne mindestens 10.000 Euro vor sich als Startkapital aufzubauen. Mit steigender Alkohol-konzentration im Blut der jungen Spieler, nahm dann der Geräuschpegel am Tisch ebenfalls stark zu und die Spielzüge wurden – charmant ausgedrückt – doch sehr kreativ. Kein Spiel, bei dem nicht mindestens auf 400 € vor dem Flop geraist wurde. Als kleines Beispiel sei folgendes Spiel angeführt: Nach einem Standardraise auf 400 Euro preflop und einem bescheidenen Anspiel von 1.000 Euro auf dem Flop kämpfen noch 2 Spieler am Turn um den Pot. Das Board zeigt 2, 4, 10, Dame, kein Flushdraw möglich. Spieler A wettet bei dieser Konstellation 1.500, Spieler B raist auf 3.000. Spieler A geht mit 8.000 Euro allin und B callt dies dann mit einer lässigen Handbewegung. Der River bringt eine weitere 4. Spieler A zeigt im Showdown Dame und 10, hat also am Turn die Top 2 Paar getroffen. Es geht ein leicht alkoholisiertes Raunen durch den Tisch, als B seine Karten umdreht: 9 und 4 offsuit, er gewinnt also mit Drilling 4 einen Pot von 22.000 Euro. Wenn das nicht ein „sehr kreativer“ Call von B am Turn war! Oder lässt sich dieser Call vielleicht doch nur mit einem Übermaß an Champagner erklären?

Kaum zu glauben?

Es gibt reihenweise Zeugen für diese Beobachtungen! Ich will mit meinem heutigen Beitrag keinesfalls irgendwelchen genialen Persönlichkeiten ihren Erfolg neiden. Allerdings werde ich bei näherer Betrachtung doch etwas skeptisch; es gibt aufgrund der Vielzahl von Onlinespielern beinahe jeden Tag Geschichten von einzelnen Personen aus aller Welt, die überdurchschnittlich hohe Gewinne beim Internetpokern erzielen. Voraussetzung ist, dass ein wirklich guter Pokerspieler für einen längeren Zeitraum einen guten bis sehr guten Lauf an Karten erwischt. Kein Problem, das ist an sich nicht ungewöhnlich und passiert auch ständig. Ungewöhnlich sind aber 2 Fakten:

1. Die erwähnten Erfolgsstories betreffen die unterschiedlichsten Leute, sie kommen aus allen möglichen Orten, ob Wien, Budapest, Las Vegas, Johannisburg, Sydney, Kopenhagen usw. Sie sind zwischen 20 und 70 Jahre alt, Anwalt oder Taxifahrer, Bäcker oder Lehrer oder auch Pokerprofi. Sie sind schon räumlich so weit voneinander getrennt, dass sie sich nicht oder nur sehr flüchtig gegenseitig kennen. Dies trifft für die ganze Welt zu, bis, ja bis auf ein kleines Fleckchen Erde in Schweden.

2. Ich kenne die europäische Pokerelite seit über 8 Jahren und habe in diesem Umfeld unzählige Stunden mit den Topspielern am Tisch verbracht. Insgesamt ist das Feld sehr homogen, die Unterschiede sind oft nur marginal und tagesformabhängig. Und dann taucht plötzlich eine Gruppe auf, die, gemessen an der Höhe ihrer Gewinne, wesentlich besser als der Rest der europäischen Pokerprofis spielen soll, dies aber zu keinem Zeitpunkt im Livegame unter Beweis stellen kann…

Unabhängig davon, zu welcher Schlussfolgerung jeder einzelne Leser kommen mag, sollte jedoch ein Punkt als unstrittig festgehalten werden:

Seit Jahren versuchen zahlreiche Pokerspieler besonders in Europa durch ihr Auftreten und ihre Seriosität mit Vorurteilen aufzuräumen, dass Poker ein Spiel für angetrunkene Cowboys in den Hinterzimmern billiger Saloons sei. Hier wurden in der Vergangenheit beachtliche Erfolge erzielt und auch die jüngst im deutschsprachigen Fernsehen ausgestrahlten Pokerevents sorgten für eine weitere Imageverbesserung. Wir sollten uns diese Bemühungen nicht von einer kleinen Gruppe angetrunkener Teenies torpedieren lassen, die ihre Erziehung zuhause im Kinderzimmer vergessen haben.

Euer Michael