Las Vegas – Eine Krake die den „Wal“ verschlingt: Kapitel 6 – Die Larry Flynt Story – ISA-GUIDE.de

Las Vegas – Eine Krake die den „Wal“ verschlingt: Kapitel 6 – Die Larry Flynt Story

Reinhold Schmitt
ISA-GUIDE Chefredakteur (V.i.S.d.P.)
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Eine der wohl publicity trächtigsten Persönlichkeiten in der US-Finanzwelt ist der Medien Mogul und Casino Betreiber Larry Flynt. Flynts Imperium wird von Los Angeles aus kontrolliert, wo ihm ein riesiges Geschäftshaus gehört. Eigentlich ist es eher ein Wolkenkratzer als ein Geschäftshaus. Hustler Magazine, Barely Legal, Busty, Legworld usw., sind die Magazine, die durch sein Unternehmen publiziert werden. Larry Flynt ist aber auch nebenbei ein Großzocker und Besitzer des Hustler Casinos. In den 90er Jahren soll Flynt im Caesars Palace und im Rio Hotel am Black Jack Tisch Millionen verspielt haben. Steve Cyr, stets die Augen auf der Suche nach neuen Walen, sah per Zufall im Jahr 1996 Larry Flynts Privatjet auf dem Flughafengelände stehen. Es dauerte nicht lange und Cyr hatte den Besitzer dieses Jets ermittelt und wusste schnell in welchem Casino er spielte. Er begann sofort mit den nötigen Maßnahmen, Larry Flynt für das Vegas Hilton einzufangen.

Steve Cyrs erster Versuch, mit Larry Flynt in Kontakt zu treten, war ein Telefonat in die Zentrale der Flynt Publications. Dieser Versuch, Flynt ans Telefon zu bekommen, brachte nicht viel, aber wenigstens hatte er die genaue Adresse und Nummer. Der erste Kontakt war also hergestellt. Was nun folgte, war die Zusendung eines Früchtekorbes und zwar in wöchentlichen Abständen. Jeweils Montags, wie ein Schweizer Uhrwerk, pünktlich und genau, war dieser 125 Dollar Früchtekorb mit exotischen Früchten und Schokolade sowie weiteren Überraschungen auf dem Weg zu Larry Flynts Schreibtisch im 8. Stock des Wilshire Boulevard Gebäudes. Mit besten Empfehlungen des Vegas Hilton, Las Vegas. Eines schönen Montags allerdings gab es keinen Früchtekorb mehr aus Las Vegas und prompt kam die Reklamation. “Hey, wo bleibt der Früchtekorb? Heute ist Montag und ihr Früchtekorb kommt zu spät.”

Larry Flynt in seinem berühmten, vergoldeten 80.000 Dollar Rollstuhl. (2009) (Foto: © Glenn Francis, www.PacificProDigital.com / CC BY-SA 3.0)
Larry Flynt in seinem berühmten, vergoldeten 80.000 Dollar Rollstuhl. (2009) (Foto: © Glenn Francis, www.PacificProDigital.com / CC BY-SA 3.0)
Zweimal flog Steve Cyr persönlich aus Las Vegas nach Los Angeles, um Larry Flynt zu sprechen. Beim zweiten Mal war er erfolgreich und wurde von Flynts Leibwächter eskortiert. Flynts erste Reaktion auf Cyrs beharrliche Animierungsversuche war: “Sie sind ein sehr ehrgeiziger Casino Host. Ich denke, ich schulde Ihnen etwas, richtig?”

“Ganz im Gegenteil”, erwiderte Steve Cyr lachend. “Mr. F, ich versuche schon seit Monaten, Ihnen Geld zu geben, doch Sie haben es bislang abgeschlagen.” 100.000 Dollar als Geschenk, wenn sie bereit wäre, dem Vegas Hilton einen Besuch abzustatten und versuchen, die Bank zu schlagen.

Auch Flynt ist im Inneren ein Zocker bis aufs Blut und diese coole Reaktion des Superhost muss bei ihm Eindruck gemacht haben. “OK, ich komme und ich werde Ihre 100.000 Dollar mit eigenen 100.000 Dollar aufstocken, die Sie von mir gewinnen können und zwar noch diesen Samstag.” Der Wal der Wale schien in die Falle zu gehen!

Am folgenden Wochenende rief Larry Flynts privater Assistent bei Steve Cyr im Vegas Hilton an, um die Ankunft zu bestätigen. Unter der Bedingung allerdings, dass Flynt eine Filmcrew mitnehmen dürfte, um das spektakuläre Geschehen für die Sendung “48 Hours” aufzunehmen.

Diese Auflage war allerdings für Steve Cyr etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Zudem hatte er keine Berechtigung, um Filmaufnahmen innerhalb des Casinos zu zulassen. Dies musste erst mit seinen Vorgesetzten und einigen Rechtsanwälten abgeklärt werden. Die Rechtsabteilung des Vegas Hilton sah in diesem Deal eine erstklassige Chance, das etwas ins Abseits gerückte Image der Casinowelt durch einen solch prestigeträchtigen Auftritt eines bekannten Medienmoguls wieder ins richtige Licht zu rücken. Steve Cyr bekam grünes Licht und Larry Flynt betrat neuen Spielboden im Vegas Hilton.

Als Flynt im Hilton eintraf, wurde er bereits von diversen Casinobossen und Steve Cyr erwartet. Sein erster Kommentar soll folgender gewesen sein: “Euer Steve Cyr ist einfach der Größte. Monatelang blieb er an mir dran, hat nie aufgegeben und hier bin ich.”

Bevor die Dreharbeiten begannen, versuchte Steve Cyr in einem persönlichen Gespräch mit Flynt, die Einzelheiten abzusprechen. Insbesondere wollte er darauf hinweisen, dass während der Filmaufnahmen kein Wort über den 100.000 Dollar-Deal fallen würde, den 20%-Cash Back auf alle möglichen Spielverluste, sowie die 30.000 Dollar Brillantohrringe, die man für Larry Flynts Begleitung ausgewählt hatte. Noch vor den eigentlichen Filmaufnahmen im Casinobereich machte Steve Cyr mit Flynt eine Tour in den 30. Stock des Vegas Hilton, wo sich die Sky Villas befanden, die besten und teuersten Unterkünfte, die damals in Las Vegas verfügbar waren. Für die Reportage in “48 Stunden” wurden später auch Bilder jener Luxus-Suiten gezeigt, welche dem Vegas Hilton natürlich zu zusätzlichem Prestige verhalf.

LFP, Inc. Hauptquartier in Beverly Hills. (Foto: David Liu / CC BY 2.0)
LFP, Inc. Hauptquartier in Beverly Hills. (Foto: David Liu / CC BY 2.0)
Die spektakulären Drehaufnahmen im High Limit Baccara Room waren nicht gestellt, sondern zeigten genau den Deal, den Steve Cyr mit Larry Flynt ausgehandelt hatte. Das Feedback auf Grund dieser Aufnahmen sollte sensationell werden. Vor laufender Kamera übergab Steve Cyr 4 Chips zu jeweils 25.000 Dollar an Larry Flynt, während dieser seinerseits 100.000 Dollars von seinem eigenen Geld auf den Tisch legte. Der Black Jack Tisch war aufgrund Flynts Gesundheitszustandes speziell niedrig und Rollstuhl-tauglich gemacht worden. Flynts nächster Kommentar vor laufender Kamera war ungefähr folgender: “Ich bin bereit, eine Million Dollar zu verspielen, aber sollte ich wirklich 1 Million verlieren, dann verliere ich nur 800.000.” Und sich in Richtung seiner Begleitung wendend sagte er lachend: “Und schauen Sie sich nur mal diese prachtvollen Ohrringe an. Die bekamen wir vom Casino geschenkt!”

Langer Rede kurzer Sinn, in jener Nacht gewann Larry Flynt im Las Vegas Hilton am Black Jack die sagenhafte Summe von 1 Million Dollar! Und noch in derselben Nacht machte Flynt einen Abstecher hinüber zu seinem anderen Lieblings-Casino, dem Rio und verspielte dort den gesamten Gewinn und noch mehr. Das Vegas Hilton verlor in jener Nacht 1 Million Dollar, plus die ganzen Spesen und zusätzlichen Geschenke, aber es gewann unter Garantie an Image. In der Folge waren die Telefonleitungen zum Vegas Hilton und speziell zu den Casino Hosts tagelang besetzt. Spieler, die den Film sahen, wollten unbedingt wissen, was es mit diesem Crash-Back-Programm auf sich hatte. “Warum zahlen Sie dem Typ 20% seiner Verluste zurück, und warum kriege ich nichts???” Dies war der Moment, in dem Cash-Back Abmachungen nicht mehr länger auf persönlicher Basis stattfanden, sondern zu einem festen Bestandteil im Casino Marketing wurden. Heute offerieren die meisten Las Vegas Casinos nebst den üblichen Comps (freie Hotelübernachtungen sowie Restaurant und Buffet-Einladungen) auch noch das sogenannte “Cash-Back”-Programm an, quasi ein Rabatt auf seine Spielverluste. Man unterscheidet in der Casinobranche zwischen sogenanntem “theoretischem und effektivem Verlust”. Ein Roulettespieler am Double-Zero Roulette verliert statistisch 5,50% seiner Einsätze, doch dies heißt nicht, dass er 550 Dollar im Minus ist, wenn er 10.000 Dollar am Roulette gespielt hat. Denn es handelt sich hierbei nur um einen statistischen Durchschnitt. Aufgrund des Glücksfaktors wird ein Spieler also irgendwo im Rahmen zwischen 20.000 Dollar Plus und Null sein. Vielleicht wird er sogar noch mehr gewinnen oder verlieren, aber der “effektive Verlust” wird zu 99% ein anderer sein als der “theoretische Verlust”. Auf lange Sicht gerechnet nähert sich der effektive Verlust dem theoretischen Verlust immer weiter an, aber kurzfristig sind die Zahlen unter Garantie hohen Schwankungen ausgesetzt. Ein Casino, welches ein Cashback-Programm offeriert, kalkuliert mit dem theoretischen Verlust, denn für das Casino zählt das Dauerspiel. Ob ein Gast gewinnt oder verliert, hat für das Casino keine Bedeutung bei der Berechnung, wie viel Cashback der Spieler bekommt. Einzig und alleine zählt dann nur, wie viel Umsatz hat ein Gast erzielt (mit anderen Worten: Wie hoch ist der theoretische Verlust).

Die Konsequenzen für das Vegas Hilton waren enorm. Die Masse der Großzocker wurde auf das Casino und dessen Cashback-Programm aufmerksam, aber kurzfristig sah es so aus, als ob sich das Hilton zu einer Lachnummer gemacht hatte. Da kommt eine berühmte Persönlichkeit an, mit 100.000 Dollar in der Tasche, gewinnt “schnell” 1 Million Dollar, diniert in den teuersten und besten Restaurants, alles auf Kosten des Hauses, logiert in der weltbesten Suite, der Verona Suite und darüber hinaus schenkt das Casino der hübschen Begleiterin noch Juwelen für 30.000 Dollar. Um das Ganze dann noch auf die Spitze zu bringen, fährt dieser Super-Wal mit der gewonnenen Million hinüber zur Konkurrenz und verspielt gleich wieder alles. Die Casinobosse des Vegas Hilton waren über dieses neue Image alles andere als erfreut und irgend jemand musste den Hut nehmen. Der zuständige Public Relations Director wurde auf der Stelle ersetzt.
Larry Flynt wurde allerdings ein langjähriger Gast des Vegas Hilton und er bekam stets eine der besten Suiten. Für Larry Flynt war es sehr wichtig, dass er als größter Zocker des Casinos auch den allerbesten Service geboten bekam. Gelegentlich spielte er 24 Stunden nonstop mit Einsätzen zwischen 10.000 und 25.000 Dollar pro Hand beim Black Jack.

Aber es darf nicht unterschätzt werden, wer Larry Flynt ist und was er kann. Ebenso erfolgreich, wie er in der Geschäftswelt ist, so ist er auch ein ausgezeichneter Kartenspieler. Auch heute noch spielt er gelegentlich in Las Vegas. Der Berichterstatter war Augenzeuge, während Larry Flynt im High Limit Bereich des Bellagio mit anderen Poker Profis, 4.000-8.000 Dollar Texas Hold’em gespielt hat. Auf dem Tisch lagen in jener Nacht über 1 Million Dollar in Cash und Larry Flynts Leibwächter sowie Sicherheitsleute vom Bellagio Casino säumten damals die Szene.

In den folgenden Jahren war Larry Flynt eigentlich der einzige Großzocker, den Steve Cyr zu betreuen hatte. Baron Hilton, Besitzer des Vegas Hiltons, war häufig beim Dinieren mit Larry Flynt anzutreffen. Für Steve Cyr war es nun leicht, Larry Flynt fürs Wochenende in das Vegas Hilton zu bekommen. “Mr. F, Baron Hilton möchte mit Ihnen am Freitag Abend dinieren. Dürfen wir Sie einladen? Die Verona Villa ist wie üblich für Sie bereit.”

Der bekannte Masquerade Tower des Rio All Suite Hotel & Casino.
Der bekannte Masquerade Tower des Rio All Suite Hotel & Casino.
Dann kam der sensationelle Lauf: Innerhalb von 3 Monaten gewann Larry Flynt im Vegas Hilton über 10 Millionen Dollar. Alle wussten jedoch, dass dieses Geld nur ausgeliehenes Geld war und Steve Cyrs Job war es, sicherzustellen, dass Flynt wieder zurückkommen würde und nicht das gewonnene Geld, wie in jener berüchtigten Nacht, bei der Konkurrenz verspielt.
Der Rücklauf lies dann auch nicht lange auf sich warten. In einer einzigen Nacht verspielte Flynt 3 Millionen Dollar. Seine Pechsträhne hatte eingesetzt. Er verlor nun mehr, als er jemals im Hilton gewonnen hatte, viel mehr. Es war der Anfang einer Multi Millionen Verluststrähne, alles in die Taschen vom Vegas Hilton. Aber die Auslagen, die das Vegas Hilton hatte waren bis zu jenem Zeitpunkt enorm. Das ganze “show-up-money”, also die Gratis Chips, die man Flynt anbot, die Suiten, die Restaurant Besuche, die anderen Geschenke, die Rabatte auf seine Spielverluste, hatten zur Folge, dass das Hilton auch nach Flynts erster massiven Verluststrähne noch nicht ganz pari mit dem Wal war. Eine Session, in welcher Flynt, aufgrund seiner entstandenen Verluste, emotional derart aufgewühlt war brach er ab. Er schuldete dem Hilton die stattliche Summe von 3.2 Millionen Dollar, die er zunächst nicht zurückzahlen wollte.
Steve Cyr kümmerte sich persönlich darum, dass Flynt bezahlte. Er flog selbst schnell nach Los Angeles und ging zu Flynts eigener Bank, welche sich direkt im Bürogebäude befindet, in dem die ganzen Medien-Firmen untergebracht sind. Nach einer etwas peinlichen Situation willigte Flynt schließlich ein und das Vegas Hilton bekam sein Geld zurück. Das Freundschaftsverhältnis zwischen Flynt und Cyr war allerdings auf lange Zeit getrübt.

Ein paar Monate später jedoch, war es Larry Flynt, der sich bei Steve Cyr meldete. Flynt wollte einen Gefallen von Cyr. Seine Heirat mit Liz, der Dame, die damals bei den Dreharbeiten für die “48-Stunden”-Reportage dabei war, stand vor der Tür und Flynt wollte die Hochzeitsfeier im Beverly Hills Hilton veranstalten. Cyr rief beim Hilton in Beverly Hills an, bekam aber prompt die Absage aufgrund der damaligen Umstände im Zusammenhang mit der Rückzahlung von Flynts Spielschulden. Das Hilton Management war über die unglücklich verlaufene Geschäftsbeziehung zu stark betrübt. Doch auch hier hatte Cyr eine Alternativlösung zu bieten. Zusammen mit seinem Freund Jeff Armstrong, einem High Limit Black Jack Spieler und Musiker, der im Hard Rock Hotel seine Show hatte, organisierten sie die Hochzeitsfeierlichkeiten im Hard Rock Hotel und Casino in Las Vegas. Die Party war ein Erfolg, und Steve Cyr war für Larry Flynt wieder der beste Freund.

Es gibt noch viele andere Persönlichkeiten, die ihren Weg in die Las Vegas Casinos fanden. Sportler, Politiker, Schauspieler, Senatoren, Konzernbesitzer, das sind die Leute, unter denen die Wale zu finden sind. Einige davon kennen ihre Grenzen, andere überschreiten diese und hören erst auf, nachdem ein Großteil ihrer Bankroll schon in die Kassen der Casinos gewandert ist. Hier ist die Grenze zwischen Spaß und Ernst zu finden, der Unterschied zwischen einem pathologischen Spieler und dem Berufsspieler, dem Hasardeur. Mit diesem Thema werden wir uns im nächsten Kapitel auseinandersetzen.

Hier finden Sie eine Übersicht aller bisher erschienen Teile dieser Artikelserie.