Casino Secrets geben Einblick in Strukturen illegaler Online-Casinos

Unter dem Namen „Casino Secrets“ haben die IT-Sicherheitsexpertin Lilith Wittmann und mehrere europäische Medien Strukturen hinter illegalen Online-Casinos untersucht. Interne Unterlagen der Glücksspielaufsicht von Curaçao geben Einblick in Eigentümer, Lizenzverfahren und Firmenverbindungen. Für Deutschland richtet sich der Blick besonders auf Platincasino und auf die Frage, wer an Angeboten ohne deutsche Erlaubnis verdient.

Wer hinter den Angeboten steht

Wittmann hatte nach eigenen Angaben rund neun Monate lang Zugriff auf interne Systeme der Curaçao Gaming Authority. Gemeinsam mit Journalisten unter anderem von NDR, NRK, SVT und Follow the Money wertete sie Unterlagen aus Glücksspielbehörden und Handelsregistern aus. Über einen früheren Sicherheitsvorfall bei der Malta Gaming Authority, zu dem sich Wittmann öffentlich bekannt hatte, berichteten wir bereits im März 2026.

Die Rechercheübersicht von Lilith Wittmann führt zu drei ausführlichen Berichten über die Lizenzvergabe in Curaçao, Platincasino und den Softwareanbieter Softswiss. Auch Golem.de hat die Ergebnisse eingeordnet.

Nach der Auswertung von Follow the Money konnten rund 800 Eigentümer hinter knapp 650 in Curaçao lizenzierten Glücksspielunternehmen identifiziert werden. Die Unternehmen betreiben zusammen Tausende Glücksspielseiten. Die Unterlagen zeigen laut den Journalisten auch Fälle, in denen trotz offener Fragen zu Eigentumsverhältnissen oder möglichen Zielmärkten Lizenzen erteilt wurden. Daraus folgt allerdings nicht, dass jedes dieser Unternehmen in jedem Land unerlaubt tätig ist.

Eine Lizenz aus Curaçao reicht in Deutschland nicht aus

Eine Lizenz aus Curaçao berechtigt einen Anbieter nicht Glücksspiel in Deutschland anzubieten. Dafür ist eine Erlaubnis der zuständigen deutschen Behörde erforderlich. Welche Anbieter und Angebote eine solche Erlaubnis besitzen, zeigt die amtliche Whitelist der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder.

Gerade diese Grenze macht die Recherche für den deutschen Markt relevant. In ihrem Bericht über die Lizenzvergabe beschreibt Wittmann interne Prüfvermerke, in denen rechtliche Risiken einzelner Zielmärkte angesprochen werden. Die Behörde von Curaçao erklärte gegenüber Follow the Money, ihre Glücksspielregulierung befinde sich in einer Übergangsphase. Unternehmen erhielten Zeit, die neuen Anforderungen schrittweise zu erfüllen. Zudem sei die Abgrenzung zwischen gezielter Ansprache eines Landes und der bloßen Annahme dortiger Kunden komplex.

Platincasino und die Frage nach möglichen Steuernachzahlungen

Ein Schwerpunkt der deutschen Recherche ist Platincasino. Den ausgewerteten Unterlagen zufolge wechselten Marke, Domains und Spielerdaten 2023 von einer maltesischen Gesellschaft zu Latiform B.V. in Curaçao. Wittmann beschreibt zugleich Verbindungen zwischen dem späteren Betrieb und dem bisherigen geschäftlichen Umfeld. Der Anwalt des in der Recherche genannten Unternehmers Thomas Kalman weist die gegen seinen Mandanten erhobenen Vorwürfe als haltlos zurück.

Wittmann schätzt mögliche, seit dem Wechsel nach Curaçao nicht abgeführte deutsche Glücksspielsteuern auf rund 250 Millionen Euro für den Zeitraum 2023 bis 2025. Ihre Rechnung beruht unter anderem auf Annahmen zum Anteil deutscher Spieler und zur Höhe der Spieleinsätze. Der Betrag ist eine journalistische Schätzung, keine behördlich festgestellte Steuernachforderung.

Auch Softswiss steht im Fokus

Ein weiterer Teil der Recherche untersucht Verbindungen zwischen dem Glücksspielsoftwareanbieter Softswiss und Gesellschaften, die Online-Casinos betreiben. Wittmann verweist dabei auf Finanzierungen, personelle Überschneidungen und Geschäftsbeziehungen. Bereits 2024 hatte der Bayerische Rundfunk über mögliche Verbindungen zwischen Softswiss und nicht in Deutschland lizenzierten Angeboten berichtet.

Softswiss widerspricht der Deutung der neuen Unterlagen. Gegenüber dem Medium dev.by erklärte das Unternehmen am 23. September, Informationen seien aus dem Zusammenhang gerissen und falsch interpretiert worden. Man prüfe die Veröffentlichungen mit juristischer Unterstützung. Die von den Journalisten beschriebenen Verbindungen und die Verantwortung einzelner Unternehmen sind damit umstritten.

Ermittlungen in Frankfurt

Unabhängig von Wittmanns eigener Steuerberechnung wurden Anfang September Ermittlungen gegen eine Gruppe öffentlich, der unerlaubtes Online-Glücksspiel und nicht vollständig abgeführte Glücksspielsteuern vorgeworfen werden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Frankfurt, über die tagesschau.de berichtete, sollen zwischen Juli 2021 und Ende 2023 Spieleinsätze von rund 5,86 Milliarden Euro abgewickelt worden sein. Den mutmaßlichen Steuerschaden allein für 2024 beziffern die Ermittler auf 77,6 Millionen Euro. Diese Zahl stammt aus dem Ermittlungsverfahren und ist nicht mit Wittmanns Schätzung von 250 Millionen Euro gleichzusetzen. Für die Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Die GGL begrüßte den Ermittlungserfolg und warnte ausdrücklich vor illegalen Angeboten wie Platincasino. Aus ihrer Mitteilung geht jedoch nicht hervor, wer festgenommen wurde oder welche einzelnen Angebote Gegenstand des Verfahrens sind.

Die „Casino Secrets“ zeigen vor allem, wie schwierig die Aufsicht wird, wenn Lizenznehmer, wirtschaftlich Berechtigte, Softwareanbieter und Zahlungsströme über mehrere Länder verteilt sind. Für Spieler bleibt die praktische Frage einfacher: Ob ein Angebot in Deutschland erlaubt ist, lässt sich anhand der amtlichen Whitelist prüfen – ein ausländisches Lizenzsiegel genügt dafür nicht.