WSOP 2007 – Lasst die Spiele beginnen!

Seit 2 Tagen bin ich wieder in Las Vegas. Nach einem Flug von knapp 11 Stunden Dauer, einer Stunde Wartezeit auf dem McCarren Intl. Airport, weil angeblich die Einreisekontrollbehörde durch die Menschenmassen überfordert war, weiteren zwei Stunden Schlange stehen am Einreiseschalter und 40 Minuten Filz beim Zoll durfte ich endlich amerikanischen Boden betreten. Die erste Enttäuschung kam auf, als ich in mein frisch angemietetes Appartement einchecken wollte. Mein altes Domizil lag direkt neben dem Stardust Hotel, das letztes Jahr abgerissen wurde. Dem Abriss fiel auch mein heiß geliebtes Appartement zum Opfer. Mein neues Zuhause kannte ich nur aus Internetbeschreibungen. Geschönte Fotos der Anlage und des Pools vermittelten ein völlig falsches Bild und zudem habe ich hier mit einem ordentlichen Lärmpegel zu kämpfen. Die Voraussetzungen, um eine „Wohlfühlatmosphäre“ im sportlichen Wettkampf um ein Bracelet zu schaffen, sind also alles andere als gut. Ich werde deshalb direkt am Sonntag ins Wynns zunächst einmal für 14 Tage umziehen und dann sehen wir weiter.

Die zweite Enttäuschung ähnelte eher einem echten Schock und kam auf, als ich das Convention Center des RIOs, Austragungsort der WSOP, betrat. Eine Menschenschlange von etwa 100 Meter Länge stand in den endlosen Gängen an, um sich für die verschiedenen Turniere zu registrieren. Ich traf einen Bekannten, der schon eine dreistündige Warteprozedur hinter sich hatte. Als er endlich am Schalter ankam, teilte ihm der dort sitzende Angestellte lapidar mit, dass er sich ohne Registrierungskarte nicht in ein Turnier einkaufen könne. Diese ominöse Karte hatte er sich dann zehn Minuten später besorgt und ging damit wieder zurück an den Schalter, nur um von einem mürrischen Sicherheitsmenschen wieder zurück ans Ende der Schlange geschickt zu werden. Noch mal drei Stunden Wartezeit wollte er sich wirklich nicht antun und verzichtete lieber auf das Turnier.

Für mich ist das alles einfach nicht zu fassen! Das RIO war, früher, als die WSOP noch im Binions stattfand, während der Sommermonate ein ziemlich verlassener Ort mit verschwindend geringer Belegungsquote. Mit Übernahme der WSOP Rechte durch Harrahs änderte sich alles, das RIO platzt während der Veranstaltung aus allen Nähten.

Aber schauen wir uns zunächst einmal im Turniersaal um. Er ist wieder, wie auch letztes Jahr, in 3 Bereiche eingeteilt. Im ersten Bereich findet das jeweilige Hauptturnier des Tages statt. Dort steht eine Anzeigetafel, auf welcher der Name des Events, die Blindlevels und die verbliebene Zeit im Level angezeigt werden. Alle anderen Daten, wie ursprüngliche Anzahl der Teilnehmer, noch im Turnier befindliche Spieler und durchschnittlicher Chipcount, wirklich unentbehrliche Turnierinformationen, stehen einfach auf Null. Jeder Sachpreis Turnieranbieter in Deutschland würde das besser machen.

Im zweiten Bereich finden die Sit and Go Satellites statt. Über 100 Leute stehen in einer Schlange dafür an. In dem etwa 30 Tische umfassenden Bereich sieht man 7 leere Tische mit wartenden Dealern ohne Spieler. Dazwischen rennen vier oder fünf ziemlich verwirrt drein blickende Floorleute herum, die offensichtlich lieber eine Art Hindernislauf üben, anstatt die leeren Tische aufzufüllen. Denn sie wissen nicht, was sie tun…
Auch im modernen, mit elektronischen Anzeigetafeln ausgestatteten Cashgamebereich ein ähnliches Bild: Auf der Tafel sieht man ein Feld „Potlimit Omaha“ mit zwei laufenden Tischen und einer langen Warteliste. Dass die Angabe der Blindhöhe auch wichtig sein könnte und wer von der Warteliste für welchen Tisch ansteht, hat man offensichtlich vergessen.

Das RIO und Harrahs zieht sich mit der WSOP in den nächsten sieben Wochen etwa 80 bis 100 Millionen US$ Einkünfte an Teilnehmergebühren, Verkauf von Merchandising, Werbegeldern und Verkauf von Fernsehrechten rein. Anstelle mit diesen Finanzen für eine adäquate Veranstaltung zu sorgen und uns Pokerspieler wie geschätzte Kunden zu behandeln, wird mit grenzenlosem Dilettantismus und einer ins Unermessliche anwachsenden Bürokratie die Veranstaltung zumindest zu ihrem Beginn uns Teilnehmern gründlich vermiest. Harrahs kann sich nicht hinter der Behauptung verstecken, dass sie nicht mit einem derartigen Ansturm gerechnet hätten. Seit drei Jahren ist allgemein bekannt, was in der Pokerszene passiert. Mich erinnert das alles hier an die ehemalige DDR kurz vor ihrem Untergang. Eine Verwaltung voller Wirrköpfe nimmt ihre Untertanen ans Gängelband und verstrickt sich immer mehr in überflüssige Bürokratie.

Aber solange wir Pokerspieler nicht aufstehen und rufen: „Wir sind das Volk“, wird sich nichts ändern. Und auch ich werde mich wahrscheinlich heute Nachmittag schön geduldig in die Schlange stellen, um morgen das $ 2.500 Omaha Hi/Lo – Stud Hi/Lo mixed Turnier spielen zu können. In diesem Sinne: Lasst die Spiele beginnen!

Euer Michael