European Spring Festival Wien

Direkt von Dortmund aus bin ich am vergangenen Sonntag nach Wien gedüst. Hier sollte am Montag um 14:00 Uhr eines meiner Lieblingsturniere starten. Das frühere World Series of Poker Trial hat zwar nach Rechtsstreitigkeiten mit der Harrahs Gruppe seinen Namen verloren, nicht aber seine fantastische Struktur.

15.000 Startchips, 90 Minuten Levels und ein sehr flacher Anstieg der Blinds machen dieses auf 5 Tage angesetzte No Limit Holdem Turnier in Europa einzigartig. 206 Teilnehmer hatten sich angemeldet, bei einem Buy in von 3.000.- € gab es stolze 191.000.- € für den Sieger.

Der Start an Tag 1 verläuft für mich denkbar schlecht. Innerhalb der ersten 3 Stunden verliere ich zunächst einen gefloppten Drilling gegen einen Riverflush, danach zu allem Überfluss auch noch ein Full House gegen Four of a Kind. In jedem anderen Turnier hätte ich schon längst das Geschehen als Zuschauer weiter verfolgen müssen, aber das Deepstake zu Beginn lässt mir noch ein paar Möglichkeiten offen. Innerhalb weiterer 3 Stunden erhole ich mich wieder von meinem Tiefststand 4.500 bis auf 15.000, gewinne einen größeren Pot mit einer Straße gegen 2 Paar und schließe Tag 1 mit 28.600 an Chips im Mittelfeld ab.

112 Spieler sind noch im Turnier, als wir Tag 2 um 14 Uhr beginnen. Ein etwas tighter und passiver neuer Tisch lädt beständig zum Einsammeln der Blinds ein und in nur 90 Minuten komme ich ohne nennenswerte Konfrontation über 40.000. Der erste Dämpfer folgt, als ein junger deutscher Spieler vom Pokerstrategy Team mein Terrorregime am Tisch nicht ohne weiteres hinnehmen will. Seine Argumente untermauert er mit einem Stake von ca. 75.000, so dass ich etwas zurückstecken muss.

Bei noch 75 verbleibenden Spielern kommt es dann zu einer wirklich abstrusen Situation, die ich in meinem bisherigen Pokerleben noch niemals gesehen habe. In MP 3 raise ich mit K-Q suited den dreifachen Big Blind auf 2.400, mein linker Tischnachbar callt nach einigem Überlegen und wir sind Heads Up am Flop. Das Board zeigt Q-9-2 rainbow, ich checke, er spielt 6.000 und ich raise ihn all-in. Ich covere ihn leicht mit meinen Chips, das all-in bedeutet weitere ca. 20.000, die er nachbringen müsste. Nach ca. 2 Minuten Überlegung sagt er in etwas gebrochenem Englisch: „I believe, you’ve got Aces, so I have to fold“ und wirft offen 2 schwarze Könige in Richtung Board. Der Dealer sammelt die Karten ein, muckt diese und schiebt mir den Pot zu. Während ich den Pot entgegen nehme, zeige ich ihm meine Hand und sage: „No, you were good.“ Daraufhin sagt er zum Dealer gewandt: „No, no, I meant to call.“ Mein linker Nachbar gehört wie 2 weitere Spieler am Tisch ebenfalls zum Pokerstrategy Team und plötzlich äußern sich diese Spieler ebenfalls in die Richtung, dass sie „call“ verstanden hätten. Übereifrig fängt die auf Platz 1 sitzende Russin an, die beiden Könige wieder aus dem Muck zu kramen und legt sie vor sich auf den Tisch.

Mittlerweile erscheinen jede Menge Zuschauer am Tisch, die den Ablauf als solchen überhaupt nicht gesehen haben, sich aber trotzdem mit den verschiedensten Kommentaren einmischen. Der Turnierdirektor Thomas Kremser wird zur Entscheidungsfindung an den Tisch gerufen. Er lässt sich vom Dealer die Situation schildern, der jetzt plötzlich auch etwas unsicher wirkt und nur noch behauptet, er hätte „fold“ verstanden, wäre sich aber nicht mehr hundertprozentig sicher. Weiterhin mischen sich die Teammitglieder meines Gegners ein und sagen, dass ein Indiz für ein vermeintliches Call die Unlogik wäre, Könige angesichts des Flops zu folden.

Ich bleibe eigentlich ganz ruhig und schildere ohne jede Polemik die Situation aus meiner Sicht. Als nach 10 Minuten Diskussion Thomas Kremser seine Entscheidung trifft, traue ich meinen Ohren nicht. Er entscheidet, dass die Karten live sind und spielen! Äußerlich völlig ruhig und kommentarlos nehme ich die Entscheidung hin, aber in mir brodelt ein Vulkan. In meinem bisherigen Turnierleben habe ich noch nie gesehen, dass ein Direktor seine Entscheidung nach weiterer Diskussion abänderte, also versuche ich erst gar nicht, ihn umzustimmen. Ich kenne Thomas seit über 10 Jahren, schätze und respektiere ihn als ausgezeichneten Turnierdirektor und habe bisher noch niemals eine schlechtes „Ruling“ von ihm erlebt, aber dieses Mal hat er gründlich daneben gegriffen. Ich weiß, dass Thomas seine Regelauslegungen immer in Interesse des fairen und gerechten Spiels treffen will, ohne einzelne Spieler zu bevorzugen oder zu benachteiligen, aber bei der heutigen Entscheidung hat er sich wohl auch etwas durch die „Stimmungsmache“ der übrigen Teammitglieder meines Gegners beeinflussen lassen. Ich halte ihm zugute, dass ihm erst im Nachhinein die Teamzugehörigkeit der Diskussionsteilnehmer bewusst wurde.

In einem späteren Gespräch deutete er an, dass er, nachdem ihm diese Fakten klar wurden, mit seinem Ruling vermutlich in die andere Richtung tendiert hätte. Wie alle anderen Sportarten auch ist Poker von der Gegenwartsentscheidung geprägt, eine nachträgliche Revision würde mich zwar „moralisch“ rehabilitieren, aber nichts an der Tatsache ändern, dass damit das Turnier für mich de facto beendet war.

Einmal mehr wird deutlich, dass wir ganz klare und präzise Turnierregeln brauchen, die konsequent umgesetzt werden. Wir spielen um enorm hohe Preisgelder und Fehler sind nicht damit zu entschuldigen, dass ein Spieler neu und unerfahren bei Liveturnieren ist. Unabhängig von der Auslegung des geschilderten Falles gilt normalerweise weltweit: Eine Hand, die im Muck war, bevor der Pot durch den Dealer ordnungsgemäß zugestellt wurde, ist tot. Jeder Spieler hat seine Hand entsprechend zu schützen, auch wenn er zur Verteidigung einen Elefanten darauf setzen muss.

Mit meinem kümmerlichen Rest an Chips gehe ich wenig später am Button mit J-9 suited all-in, nachdem alle anderen vor mir gefoldet hatten. Der Big Blind callt mich natürlich mit A-Q und ohne jede Hilfe vom Board bin ich raus.

Euer Michael von 888