Anbieter, Lizenzen und Marktstruktur – Wie der regulierte Glücksspielmarkt in der Evaluierung 2026 beurteilt wird

Ulli Schmitt
ISA-GUIDE Inhaber
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Evaluierung Des Glücksspiel-Staatsvertrages 2026
Ein zentrales, oft unterschätztes Element der Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags 2026 (GlüStV 2021) ist die Struktur und Dynamik des regulierten Marktes selbst. Während öffentliche Debatten sich häufig auf Aspekte des individuellen Spielerschutzes, Einzahlungslimits oder die Bekämpfung des Schwarzmarktes konzentrieren, spielen in der wissenschaftlichen Bewertung auch die wirtschaftliche und organisatorische Stabilität der lizenzierten Anbieter eine entscheidende Rolle. Der Glücksspielstaatsvertrag kann seine ordnungspolitischen Ziele nur dann erreichen, wenn ein leistungsfähiger, rechtssicherer und wettbewerbsfähiger legaler Markt existiert, der die Nachfrage der Spieler tatsächlich aufnehmen und binden kann.

Die Evaluierung wird daher über die reine Compliance-Prüfung hinausgehen und analysieren, ob die regulatorischen Rahmenbedingungen einen funktionierenden Markt ermöglichen oder ob sie unbeabsichtigt zu einer Verarmung des legalen Angebots und damit zu einer Schwächung der Kanalisierung führen.

Die quantitative Dimension: Das Lizenzierungssystem im Rückblick

Das deutsche Lizenzsystem ist eines der restriktivsten weltweit. Anbieter müssen umfangreiche technische, finanzielle und organisatorische Voraussetzungen erfüllen, um eine Erlaubnis der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) zu erhalten. Mit Stand Ende 2025 zeigt sich eine differenzierte Marktstruktur: Nach eigener Auswertung der GGL-Whitelist waren in den Bereichen Sportwetten und virtuelle Automatenspiele zusammen rund 38 unterschiedliche Unternehmen mit gültiger Erlaubnis aktiv. Das Segment der Online-Casinospiele (Tischspiele wie Roulette oder Blackjack) blieb dagegen aufgrund der länderspezifischen Zuständigkeit und langwieriger Vergabeverfahren fragmentiert.

Die Evaluierung 2026 wird die Effizienz dieser Prozesse systematisch untersuchen. Hierbei stehen insbesondere die Bearbeitungszeiten für Spielzertifizierungen und Werbegenehmigungen im Fokus. Eine zentrale Frage der Gutachter wird sein, ob die Dauer der Zulassungsverfahren – die oft viele Monate in Anspruch nehmen – die Innovationsfähigkeit der legalen Anbieter gegenüber dem unregulierten Markt entscheidend bremst.

Marktdynamik: Wachstum, Stagnation und Konsolidierung

Ein wesentlicher Indikator für die Gesundheit des Marktes ist das Bruttospielertragsvolumen (BSE). Im Jahr 2024 erzielte der legale deutsche Glücksspielmarkt (online und terrestrisch) ein Volumen von etwa 14,4 Milliarden Euro – ein Plus von rund 5 % gegenüber dem Vorjahr. Trotz dieses moderaten Wachstums zeigt die Marktstruktur Anzeichen einer Konsolidierung.

Die Evaluierung wird erfassen, wie viele Anbieter seit 2021 aus dem Markt ausgeschieden sind oder ihre Aktivitäten aufgrund der hohen Compliance-Kosten eingestellt haben. Ein Markt, der durch hohe Fixkosten für IT-Sicherheit, Geldwäscheprävention und technisches Reporting (LUGAS/OASIS) geprägt ist, favorisiert tendenziell große Konzerne. Die Evaluierung muss bewerten, ob diese Entwicklung zu einer "Oligopolisierung" führt, die den Wettbewerb und damit die Attraktivität für den Endkunden mindert.

Die wirtschaftliche Tragfähigkeit und die Steuerlast

Ein Kernpunkt der fachlichen Bewertung ist die finanzielle Stabilität der lizenzierten Unternehmen. Deutsche Lizenznehmer tragen eine erhebliche Last durch:

  • Spielsteuer: Die Besteuerung der Einsätze (statt des Bruttospielertrags) bei virtuellen Automatenspielen und Online-Poker gilt branchenweit als struktureller Nachteil.
  • Aufsichtsabgaben: Die Kosten für die laufende Überwachung durch die GGL.
  • Compliance-Investitionen: Die Implementierung von Früherkennungssystemen für Spielsucht und Geldwäscheprävention.

Die Evaluierung 2026 wird analysieren, ob die Margen im legalen Markt ausreichen, um notwendige Investitionen in den Spielerschutz und die Produktqualität dauerhaft zu gewährleisten. Kritiker warnen bereits vor einem Paradoxon: Eine zu hohe fiskalische Belastung senkt die Auszahlungsquoten (RTP) im legalen Markt, was Spieler wiederum direkt in die Arme illegaler Anbieter treibt, die höhere Gewinne versprechen können.

Der Konflikt zwischen Produktvielfalt und Regulierung

Ein funktionierender Markt zeichnet sich durch ein breites Portfolio aus, das unterschiedliche Spielertypen anspricht. Die Evaluierung wird prüfen, ob das aktuelle Lizenzsystem bestimmte populäre Spielformen (z. B. Live-Casino-Angebote oder spezifische Wettmärkte im Sport) zu stark einschränkt.

In der wissenschaftlichen Analyse wird untersucht, inwieweit das Verbot bestimmter Produktfeatures die Kanalisierungsquote negativ beeinflusst. Ein wesentlicher Aspekt ist hierbei die "Marktbreite": Wenn legale Anbieter nur ein "Light-Produkt" anbieten dürfen, während der Schwarzmarkt das volle Spektrum liefert, verliert die Regulierung ihre Steuerungswirkung. Die Marktstruktur wird hier als indirekter, aber mächtiger Indikator für den Erfolg der ordnungspolitischen Ziele betrachtet.

Die GGL als Marktwächter und Koordinationsinstanz

Seit der vollständigen Übernahme der Aufgaben durch die GGL zum 1. Januar 2023 hat sich die Behörde als zentrale Instanz etabliert. In der Evaluierung 2026 wird auch die operative Leistungsfähigkeit der Aufsicht bewertet.

  • Transparenz: Wie klar sind die Richtlinien für die Anbieter?
  • Durchsetzung: Wie erfolgreich ist die Bekämpfung illegaler Konkurrenten, um faire Wettbewerbsbedingungen für Lizenznehmer zu schaffen?
  • Kommunikation: Wird die GGL von den Marktteilnehmern als berechenbarer Partner oder als bürokratisches Hindernis wahrgenommen?

Innovationskraft und technische Evolution

Der digitale Glücksspielmarkt entwickelt sich rasant. Neue Technologien wie Künstliche Intelligenz zur Spielsuchtfrüherkennung oder moderne Kryptografie zur Datensicherung bieten Chancen, stellen die Regulierung aber auch vor Herausforderungen. Die Evaluierung muss klären, ob der aktuelle Rechtsrahmen flexibel genug ist, um solche Innovationen zeitnah in den legalen Markt zu integrieren. Eine Marktstruktur, die technische Neuerungen erst nach jahrelangen Prüfprozessen zulässt, riskiert, gegenüber dem internationalen Wettbewerb den Anschluss zu verlieren.

Wettbewerbsfähigkeit und internationale Benchmarks

Ein Vergleich mit Märkten wie Dänemark, Großbritannien oder den Niederlanden wird Teil der Evaluierung sein. Diese Länder haben zum Teil deutlich höhere Kanalisierungsquoten erzielt. Die Gutachter werden prüfen, ob dies auf eine liberalere Marktstruktur, andere Steuermodelle oder eine effizientere Lizenzvergabe zurückzuführen ist. Wenn Deutschland im europäischen Vergleich bei der Anzahl der lizenzierten Anbieter oder der Marktattraktivität zurückfällt, wird dies als Indiz für notwendige Korrekturen am Staatsvertrag gewertet.

Marktstruktur als Fundament der Kanalisierung

Die Marktstruktur ist weit mehr als eine statistische Größe; sie ist der Nährboden, auf dem die Ziele des Jugendschutzes, der Suchtprävention und der Steuergerechtigkeit gedeihen oder scheitern. Die Evaluierung 2026 wird ein klares Urteil darüber fällen müssen, ob der "deutsche Weg" der strengen Lizenzierung und technischen Kontrolle einen stabilen legalen Markt hervorgebracht hat.

Ein vielfältiger und wirtschaftlich gesunder legaler Sektor ist die beste Verteidigung gegen den Schwarzmarkt. Sollten die Daten zeigen, dass die Anbieterstruktur erodiert oder die wirtschaftliche Basis der Lizenznehmer schwindet, wird die Politik gezwungen sein, die regulatorischen Stellschrauben neu zu justieren, um das System vor dem Scheitern durch Marktabwanderung zu bewahren.

Lesen Sie hier den Fünften Teil unserer Serie zur Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags.

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