Würfel in der Gasse – wie die einfachen Leute im Mittelalter spielten

Ulli Schmitt
ISA-GUIDE Inhaber
E-Mail: ulli@isa-guide.de


Wer heute durch eine historische Altstadt läuft, hört höchstens das Klappern von Touristenschuhen und das Summen von Kameras. Im Mittelalter jedoch mischten sich unter die Geräusche von Hämmern und Marktgeschrei auch das Rollen kleiner Würfel. Sie klackerten über Holzfässer, Treppenstufen oder grobe Holztische in den Tavernen. Für Tagelöhner, Bettler und Mägde war das Würfelspiel eine der wenigen Möglichkeiten, Spannung in ihren tristen Alltag zu bringen.

Das Leben der einfachen Leute war von harter Arbeit und Armut bestimmt. Hunger und Krankheiten lauerten ständig. Umso verlockender war die Aussicht, mit einem glücklichen Wurf Fortuna heraufzubeschwören. Würfel waren billig, leicht herzustellen und jederzeit einsatzbereit. Meist schnitzte man sie aus Tierknochen, weshalb sich bis heute der Begriff „Knöchelchen“ erhalten hat. Andere Materialien waren Holz, Ton oder Metall, wohlhabendere Spieler konnten sich Elfenbeinwürfel leisten. Archäologen finden bis heute hunderte solcher Stücke in mittelalterlichen Städten – ein Beweis, wie weit verbreitet das Würfelspiel war.

Die Regeln waren einfach und für jedermann verständlich. Häufig ging es schlicht um die höchste Zahl. Daneben gab es Spiele wie „Passe-Dix“, bei dem mit drei Würfeln eine Summe über zehn erreicht werden musste, oder „Hazard“, das später die Grundlage für Craps wurde. In deutschen Schenken und Märkten improvisierte man Knobelspiele, bei denen um Brot, Bier oder kleine Münzen gespielt wurde. Ein einzelner Wurf konnte über eine Mahlzeit oder den Verlust eines Tageslohns entscheiden.

Die Atmosphäre war laut und hitzig. In Tavernen hockten Männer und Frauen um die Würfel, es wurde gelacht, gejubelt und gestritten. Oft kam es zu handfesten Auseinandersetzungen, wenn jemand des Betrugs beschuldigt wurde. Auch auf Märkten mischte sich Glücksspiel in den Handel, wenn Händler Würfelwürfe als Rabatt- oder Preisspiel anboten. So wurde das Würfeln Teil des Alltagslebens und prägte das Bild mittelalterlicher Städte.

Kirche und Obrigkeit waren erbitterte Gegner des Spiels. Geistliche sahen darin das Werk des Teufels. Theologen wie Thomas von Aquin verurteilten Würfelspiele als Sünde, weil sie den Zufall über Gottes Willen stellten. Bilder zeigten den Teufel mit Würfeln in den Händen, und die Geschichte vom Würfeln der römischen Soldaten um Jesu Gewand galt als warnendes Beispiel. Doch die Predigten prallten ab – selbst in Fastenzeiten waren die Tavernen voll.

Auch städtische Gesetze versuchten das Würfeln zu unterbinden. In vielen Stadtrechten finden sich Verbote und Strafen, die von Geldbußen über Gefängnis bis zur öffentlichen Auspeitschung reichten. Besonders gefürchtet war, dass Gesellen ihren Wochenlohn verspielt hatten und ihre Familien hungern mussten. Manche Städte führten daher strengere Regeln für die Lohnauszahlung ein. Doch heimlich wurde weitergespielt – oft waren sogar Wächter oder Ratsherren beteiligt.

Für die Armen hatte das Würfeln eine doppelte Bedeutung. Es war Unterhaltung, aber auch Hoffnung. Ein guter Wurf konnte die nächste Miete sichern oder eine Schuld begleichen. Doch ebenso oft stürzten Spieler ins Elend. Chroniken berichten von Männern, die ihr letztes Hemd verspielt hatten. Manche gaben nicht mehr auf und verfielen in eine frühe Form der Spielsucht, die Prediger als mahnendes Beispiel ausschlachteten.

Auch Literatur und Kunst hielten das Würfeln fest. Geoffrey Chaucer schilderte Spieler in den „Canterbury Tales“ als liederliche Gestalten. Deutsche Schwänke und Lieder erzählten vom Glück und Unglück am Würfeltisch. Gemälde zeigen ernste Männer in Tavernen, die mit gespannten Gesichtern auf die Würfel starren. Nicht nur Männer, auch Mägde, Marktfrauen und Kinder spielten – letzteres meist um Nüsse oder Brot. Für die Kirche war das ein weiterer Beweis für die Verderbtheit des Spiels, doch in Wahrheit zeigte es, wie tief das Würfeln in die Gesellschaft eingebettet war.

Trotz aller Verbote und moralischen Verurteilungen überlebte das Würfelspiel. Aus den Straßenspielen des Mittelalters entwickelten sich Varianten wie Hazard, die später in Spielhäusern Europas und Amerikas populär wurden. Damit legte das Glücksspiel der kleinen Leute die Basis für moderne Casino-Spiele. Der Nervenkitzel, mit einem einzigen Wurf das Schicksal zu wenden, ist über die Jahrhunderte derselbe geblieben.

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