Verbot und Neubeginn – die wechselvolle Geschichte der deutschen Spielbanken von 1872 bis 1945

Ulli Schmitt
ISA-GUIDE Inhaber
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Die deutsche Spielbankenlandschaft erlebte im 19. Jahrhundert ihre erste große Blüte. Orte wie Baden-Baden, Homburg und Wiesbaden waren Treffpunkte der europäischen Elite. Hier spielten Könige, Fürsten, Künstler und Diplomaten. Doch 1872 folgte der jähe Einschnitt: Der Reichstag beschloss das allgemeine Spielbankenverbot.

Die Gründe waren vielschichtig. Kirchen und bürgerliche Moralisten sahen in den Spielbanken eine Quelle von Sittenverfall und gesellschaftlichem Ruin. Reichskanzler Otto von Bismarck nutzte das Thema zugleich, um die föderalen Sonderrechte der Landesherren zu beschneiden und das junge Kaiserreich zu zentralisieren. Im Reichstag kam es zu hitzigen Debatten, am Ende setzte sich die Vertreter eines Verbots durch.

Für die Spielstädte war dies ein Schock. Baden-Baden verlor seinen Status als „Sommerhauptstadt Europas“, Homburg, das durch das „Einfach Null“-Roulette Weltruhm erlangt hatte, geriet in Vergessenheit, und Wiesbaden musste seine prächtigen Säle schließen. Hotels litten unter dem Gästeschwund, die Kuren verloren internationales Publikum, und die gesellschaftliche Elite wich auf andere Spielorte wie Monte Carlo aus.

Ganz verschwunden war das Glücksspiel jedoch nicht. In privaten Salons, Hotels und exklusiven Clubs wurde weiter gespielt, wenn auch im Verborgenen. Mit der Weimarer Republik kam in den 1920er-Jahren zwar eine kulturell offenere Atmosphäre, doch das Glücksspiel blieb umstritten. Einige sahen darin eine Chance für dringend benötigte Einnahmen, andere hielten es nach wie vor für moralisch verwerflich. So blieb es bei punktuellen Ausnahmen – ein echter Neubeginn blieb aus.

Eine Wende brachte 1933 die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Offiziell brandmarkten sie Glücksspiel als dekadent und unvereinbar mit ihrer Ideologie. In der Praxis jedoch gingen sie pragmatisch vor. Dort, wo Spielbanken Devisen ins Land brachten und den Fremdenverkehr förderten, wurden sie wieder zugelassen. Besonders bekannt ist die Wiedereröffnung der Spielbank Wiesbaden, die gezielt internationale Gäste anlocken sollte. Auch Baden-Baden spielte bald wieder eine Rolle. Gleichzeitig inszenierte das Regime die Casinos als Symbole von Glanz und Weltläufigkeit, während der Zugang für breite Bevölkerungsschichten begrenzt blieb.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs brach der Casinobetrieb erneut zusammen. Internationale Gäste blieben aus, viele Häuser mussten schließen oder wurden zweckentfremdet. Glücksspiel im großen Stil war nicht mehr möglich. Erst nach 1945, unter den völlig neuen politischen Rahmenbedingungen der Nachkriegszeit, begann die eigentliche Wiedergeburt der deutschen Spielbanken – ein Neubeginn, der die Basis für die moderne Casinokultur legte.

Die Jahre zwischen 1872 und 1945 zeigen, wie stark Glücksspiel, Politik und Ideologie miteinander verflochten waren. Auf den Glanz des 19. Jahrhunderts folgte ein radikales Verbot, dann zaghafte Versuche der Wiederaufnahme, schließlich die Instrumentalisierung durch das NS-Regime – bis der Krieg alles zum Stillstand brachte. Die Nachkriegszeit sollte schließlich den Grundstein für die Casinos legen, die wir heute kennen.

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Kurzquellen Reichstagsprotokolle 1872. – Oechsle: Die Spielbank Baden-Baden. – Ullmann: Das Deutsche Kaiserreich. – Grunberger: A Social History of the Third Reich. – Archiv Spielbank Wiesbaden.