
Auch Deutschland steht dabei im Fokus, weil die regulierte Online-Welt mit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 nun in eine Phase der Evaluierung geht. Ähnliche Diskussionen laufen parallel in den Niederlanden, Skandinavien, Belgien, Frankreich, Finnland, Spanien, Österreich und der Schweiz – allerdings mit sehr unterschiedlichen Modellen: von Lizenzmärkten über Hybrid-Systeme bis zu strikten Verboten einzelner Spielformen. Der folgende Überblick zeigt, wie die Länder aktuell aufgestellt sind, wo die größten Konfliktlinien verlaufen und welche Instrumente beim Vollzug eine zentrale Rolle spielen.
Deutschland: Evaluierung im Anmarsch – Streit um Maß, Wirkung und Nebenwirkungen
Deutschland setzt seit 2021 auf ein bundesweit koordiniertes Regelwerk für das Online-Glücksspiel. Im Zentrum stehen Spielerschutz-Instrumente (z. B. zentrale Sperr- und Limit-Systeme) und eine stärkere Aufsicht über Werbung. Politisch entscheidend ist die Frage, ob die Regulierung ihre Kernziele erreicht: Suchtprävention, Jugend- und Spielerschutz – und gleichzeitig eine ausreichend hohe Kanalisierung, damit der Markt nicht an unlizenzierte Anbieter „verloren“ geht.
Der Vollzug gegen illegale Angebote folgt dabei einer klaren Logik: Nicht nur Anbieter selbst, sondern auch deren Infrastruktur soll unter Druck geraten. In der Praxis sind es vor allem Untersagungsverfügungen, Zahlungsunterbindungen (Payment-Blocking) und – je nach Fallgestaltung – Maßnahmen, die den Zugang erschweren (Netzsperren). Zusätzlich wird an „Flaschenhälsen“ angesetzt, etwa bei Werbung: Ein wichtiger Baustein ist, dass Werbeplattformen ihre Richtlinien so anpassen, dass nur noch erlaubte Anbieter Anzeigen schalten können.
Die Behördensicht lautet: Der Vollzug zeigt Wirkung – sichtbar etwa daran, wie viele Angebote, Domains und Werbeauftritte im Laufe der Zeit eingestellt werden. Gleichzeitig bleibt die Messfrage politisch heikel: Was zählt als Schwarzmarkt, wie wird er quantifiziert – und wie bewertet man Umgehungsmöglichkeiten? Genau diese Punkte dürften in der kommenden Evaluierungsdiskussion eine zentrale Rolle spielen, weil hier entschieden wird, ob und wo nachgeschärft werden muss.
Niederlande: Mehr Spielerschutz – und plötzlich wächst der Druck durch Illegales
Die Niederlande gelten als ein Lehrbeispiel dafür, wie schnell sich das Gleichgewicht zwischen legalem Markt und illegalen Angeboten verschieben kann. Nach der Öffnung des regulierten Online-Marktes setzte die Aufsicht zuletzt deutlich stärker auf Spielerschutzmaßnahmen – unter anderem durch strengere Regeln rund um Einzahlungen und Bonität. Die gewünschte Wirkung: weniger problematisches Spiel und sinkende durchschnittliche Verluste.
Die Kehrseite beschreibt die Aufsicht offen: Während die Zahl aktiver Spieler nicht zwingend sinkt, stagniert beziehungsweise schrumpft das legale Bruttospielergebnis – und parallel wächst der illegale Markt weiter. Besonders auffällig ist dabei die Differenz zwischen „Kanalisierung nach Spielern“ und „Kanalisierung nach Geld“. Mit anderen Worten: Viele spielen zwar formal im legalen Umfeld, ein relevanter Teil des Geldvolumens kann aber in unlizenzierte Angebote abfließen – gerade dann, wenn starke Spielerschutzregeln von manchen als „zu restriktiv“ erlebt werden.
Hinzu kommt ein klassisches Vollzugsproblem: Sanktionen gegen Offshore-Anbieter sind rechtlich möglich, praktisch aber oft schwer durchzusetzen – insbesondere bei der Eintreibung von Geldbußen. Damit wird der illegale Markt nicht nur zum Spielerschutzproblem, sondern auch zu einer Frage staatlicher Durchsetzungsfähigkeit. Die Debatte dreht sich deshalb zunehmend um wirksamere Hebel: Zahlungsströme, Plattform-Kooperationen und schnellere Sperrmechanismen.
Schweden: Hohe Kanalisierung – aber Online-Casino bleibt die Sollbruchstelle
Schweden hat seine Glücksspielordnung bereits 2019 neu ausgerichtet und misst die Kanalisierung mittlerweile regelmäßig. Im Ergebnis bleibt das Land auf Gesamtmarktebene vergleichsweise stabil: Der Anteil des Spiels im Lizenzsystem liegt hoch. Gleichzeitig zeigen die Detaildaten ein bekanntes Muster: Je nach Produktkategorie unterscheidet sich die Kanalisierung spürbar – insbesondere der Online-Bereich gilt als anfällig.
Schwedische Auswertungen machen zudem transparent, warum Spieler überhaupt außerhalb des Lizenzsystems spielen: Als Gründe werden unter anderem „bessere Quoten“ bei unlizenzierter Konkurrenz genannt, attraktivere Bonusangebote – und ein besonders sensibler Punkt: die Umgehung einer Selbstsperre über das nationale Sperrsystem. Das ist spielerschutzpolitisch brisant, weil gerade Risikogruppen häufiger versuchen, Restriktionen zu umgehen.
Für die Regulierung bedeutet das: Es reicht nicht, im Durchschnitt gut auszusehen. Entscheidend ist, ob die problematischsten Spielsegmente so gestaltet sind, dass legale Anbieter konkurrenzfähig bleiben – ohne den Spielerschutz auszuhöhlen. Schweden steht damit exemplarisch für die europäische Gratwanderung: hohe Kanalisierung halten, ohne die Tür für Umgehungsstrategien offen zu lassen.
Dänemark: Konsequent im Vollzug – Blocking, Plattform-Kooperationen und Blick auf neue Trends
Dänemark setzt seit Jahren stark auf praktische Vollzugsinstrumente gegen illegale Angebote. Ein Kernwerkzeug ist DNS-Blocking, das gerichtlich angeordnet wird und die Erreichbarkeit unlizenzierter Glücksspielseiten über dänische Provider einschränken soll. Auffällig ist dabei weniger ein „einmaliger Schlag“, sondern die Kontinuität: Blocking wird regelmäßig nachgezogen, weil neue Domains und Spiegel-Seiten laufend entstehen.
Die Aufsicht betont zugleich zwei Aspekte: Erstens, dass eine steigende Zahl gesperrter Seiten nicht automatisch bedeutet, der illegale Markt wachse – sie kann auch Ausdruck intensiverer Suche und konsequenterer Durchsetzung sein. Zweitens, dass man versucht, die Wirkung von Blockings datenbasiert zu überprüfen, etwa über Traffic-Analysen vor und nach Sperrungen.
Dänemark schaut außerdem genau auf neue Formen von illegalem oder grauzonigem Glücksspiel, die vor allem junge Zielgruppen anlocken – etwa Mischformen aus Gaming und Gambling. Parallel setzt die Behörde auf Kooperationen mit großen Plattformen und Tech-Unternehmen (Apps, Social Media, Streaming), um Werbung, Verbreitungswege und Zugänge zu illegalen Angeboten schneller zu unterbrechen. Das Modell ist damit ein Beispiel für „Vollzug als Ökosystem“ – nicht nur gegen Anbieter, sondern gegen deren Reichweite.
Belgien: Strenge Regeln, Sperrlisten – und dennoch wächst der illegale Sog
Belgien verfolgt traditionell eine restriktive Linie: Zugangsbeschränkungen, Werbegrenzen und ein starkes Sperrsystem sollen den Spielerschutz absichern. Gleichzeitig ist der Markt digital extrem durchlässig. Ein zentrales Instrument ist die „Blacklist“-Logik: Unlizenzierte Glücksspielseiten werden gelistet und den Providern zur Sperrung gemeldet. Diese Listen werden fortlaufend aktualisiert; zusätzlich arbeitet Belgien daran, die Erkennung illegaler Angebote (z. B. über nationale Domains) zu beschleunigen.
Besonders sichtbar ist der Spielerschutz über EPIS und Selbstsperren: Die Zahl der Sperr- und Ausschlussmaßnahmen ist hoch, und es gibt Hinweise, dass sehr viele Zugriffsversuche bereits an der Tür des legalen Systems abgefangen werden. Das ist eine Stärke – zugleich aber auch ein Risiko: Wenn gesperrte oder limitierte Spieler bei unlizenzierter Konkurrenz weiterhin Angebote finden, verschiebt sich das Problem nur.
In der aktuellen Debatte wird Belgien daher häufig als Beispiel genannt, dass strengere Regeln ohne gleich starken Vollzug bei Zahlungen, Plattformen und Werbung zu einer paradoxen Situation führen können: Der legal regulierte Markt wird „sauberer“, während der unregulierte Markt die Spieler aufsaugt, die Grenzen umgehen wollen. Forderungen aus dem Markt und aus regulatorischen Kreisen zielen deshalb auf mehr Durchgriffsrechte, bessere Ressourcen und wirksamere Begrenzung von Zahlungsströmen.
Frankreich: Kein legales Online-Casino – illegale Angebote bleiben trotzdem massenhaft verfügbar
Frankreich ist ein Sonderfall in Europa, weil Online-Casinos im Lizenzsystem grundsätzlich nicht vorgesehen sind. Erlaubt und reguliert sind vor allem Online-Sportwetten, Poker und Pferdewetten – während virtuelle Casinospiele im Netz als illegal gelten. Das führt zu einer strukturellen Spannung: Die Nachfrage existiert, das legale Angebot aber nicht in derselben Produktbreite. Genau dort setzen viele Offshore-Anbieter an.
Die Aufsicht begegnet dem vor allem über administrative Sperrmechanismen, Blacklists und – zunehmend wichtig – Maßnahmen gegen Zahlungsflüsse. Frankreich hat in den vergangenen Jahren sichtbar nachgeschärft und veröffentlicht Informationen zu gesperrten Seiten; zusätzlich wird der Markt regelmäßig vor neuen „Ersatzformen“ gewarnt, die wie Wetten funktionieren können (etwa bestimmte Prognose- oder „Prediction“-Formate) und aus Sicht der Behörden illegal sind.
Für den europäischen Vergleich ist Frankreich deshalb besonders interessant: Selbst ein Verbot bestimmter Online-Spielformen löst das Problem nicht automatisch – es verlagert es. Der Erfolg hängt dann noch stärker an Durchsetzung, Payment-Hebeln und internationaler Zusammenarbeit.
Finnland: Großer Systemwechsel – Lizenzmarkt startet 2027, Anträge ab 2026
Finnland vollzieht aktuell einen der größten regulatorischen Umbauten in Europa. Das Land verabschiedet sich im Online-Bereich schrittweise vom reinen Monopolmodell und führt ein Hybrid-System ein: Bestimmte Produkte bleiben exklusiv bei Veikkaus, während andere Bereiche in einen Lizenzwettbewerb überführt werden. Ziel ist ausdrücklich, Schäden zu reduzieren und gleichzeitig die Kanalisierung zu verbessern – also Spiel in beaufsichtigte, nationale Strukturen zurückzuholen.
Konkret sieht der Fahrplan vor, dass Unternehmen von März 2026 an Lizenzen beantragen können; der Start lizenzierter Angebote ist dann für Juli 2027 vorgesehen. Bis Ende Juni 2027 bleibt Veikkaus im bisherigen Monopolrahmen. Parallel wird die Aufsicht organisatorisch neu geordnet, sodass Lizenz- und Überwachungspflichten ab Juli 2027 von einer neuen bzw. neu zugeschnittenen Behörde wahrgenommen werden. Bemerkenswert ist die Kombination aus Marktöffnung und strengen Leitplanken: Marketing bleibt möglich, aber nur unter klaren Einschränkungen – inklusive Regeln zu Methoden, Sponsoring und Direktwerbung.
Finnland versucht damit, ein Problem zu lösen, das viele Länder kennen: Offshore-Spiel existiert ohnehin – die Frage ist, ob man es durch kontrollierte Öffnung besser regulieren kann, statt es im Schatten wachsen zu lassen.
Spanien: Hohe Bußgelder, Website-Blocking und klare Signale an Anbieter
Spanien gehört zu den Ländern, die den Vollzug sichtbar über Sanktionen und Veröffentlichung von Maßnahmen steuern. Der Markt ist grundsätzlich reguliert; gleichzeitig geht die Behörde scharf gegen Betreiber ohne Lizenz vor. Typisch sind „sehr schwere“ Sanktionen gegen Offshore-Anbieter, verbunden mit hohen Bußgeldern und der Anordnung, Websites zu blockieren.
Parallel zeigt Spanien, dass Regulierung nicht nur gegen Illegale gerichtet ist: Auch lizenzierte Betreiber werden sanktioniert, wenn sie technische Vorgaben oder Pflichten des Spielerschutzes verletzen. Das ist für die Kanalisierungsdebatte relevant, weil Vertrauen in den legalen Markt auch davon abhängt, ob Regeln dort tatsächlich eingehalten werden.
Im europäischen Vergleich steht Spanien damit für einen Ansatz, der auf Abschreckung und Sichtbarkeit setzt: hohe Strafen, klare Konsequenzen und eine fortlaufende Kommunikation über Maßnahmen – als Signal sowohl an Anbieter als auch an Zahlungs- und Werbeumfelder.
Österreich: Reformdruck wegen 2027 – Monopolfrage bleibt politischer Kernkonflikt
Österreich steuert auf einen neuralgischen Zeitpunkt zu: Zentrale Konzessionen laufen 2027 aus, darunter Bereiche wie Lotterien und Online-Glücksspiel sowie mehrere Casino-Lizenzen. Damit steigt der politische Zeitdruck, weil ein neuer Rechtsrahmen und eine Ausschreibung bzw. Neuvergabe vorbereitet werden müssen – inklusive EU-rechtlicher Abläufe. Gleichzeitig ist das Thema hochpolitisch: Die Frage „Monopol oder mehrere Lizenzen?“ entscheidet nicht nur über Marktstruktur, sondern auch über Steuern, Spielerschutzarchitektur und Vollzugsmechanismen.
Diskutiert werden unter anderem IP- und Payment-Blocking als Instrumente gegen nicht lizenzierte Online-Angebote. Gleichzeitig wird offen eingeräumt, dass solche Sperren in der Praxis umgangen werden können (VPN, alternative Bezahldienste). Das ist derselbe Zielkonflikt wie in anderen Ländern: Je stärker man „zudreht“, desto größer wird der Anreiz zur Umgehung – wenn der Vollzug nicht mithält.
Aus der Branche kommt seit längerem harte Kritik, dass ein zu restriktives oder „abschottendes“ Modell den Schwarzmarkt stärkt. Die Regierung arbeitet parallel an Grundlagen für die kommende Tender-Phase. Die nächsten Monate entscheiden, ob Österreich eher auf Kontinuität (Monopol) oder auf eine kontrollierte Marktöffnung setzt – und wie stark Vollzug und Zahlungsregeln dabei mitgedacht werden.
Schweiz: Netzsperren sind Gesetz – doch Umgehung und Tempo bleiben die Schwachpunkte
Die Schweiz hat mit dem Geldspielgesetz seit 2019 ein System etabliert, das Online-Casinos grundsätzlich erlaubt – aber nur für Betreiber, die bereits eine Schweizer Spielbanken-Konzession haben. Ausländische Online-Casino-Anbieter ohne Schweizer Bewilligung sind verboten; die Eidgenössische Spielbankenkommission führt dafür eine Sperrliste, die Provider umsetzen müssen.
In der Praxis entzündet sich die Debatte an zwei Punkten: Erstens am Tempo und an der Reaktionsfähigkeit gegenüber neuen Domains und Mirror-Sites. Zweitens an der Umgehbarkeit, weil technisch versierte Nutzer Sperren umgehen können. Medienberichte und Marktstimmen verweisen zudem auf eine erhebliche Größenordnung illegaler Angebote – bis hin zu Schätzungen, dass ein großer Teil der Online-Casino-Aktivität außerhalb des regulierten Systems stattfindet.
Spielerschutzpolitisch ist das besonders kritisch, weil gerade im illegalen Bereich zentrale Schutzmechanismen nicht greifen. Die Schweiz steht damit für ein Modell, das formal klar ist (Lizenz nur für Schweizer Konzessionäre), aber im digitalen Alltag denselben Realitätscheck erlebt wie andere Länder: Ohne wirksame Hebel bei Payment, Werbung und Plattformen bleibt Blocking allein ein unvollständiges Werkzeug.
Ein EU-Problem mit nationalen Antworten – und drei wiederkehrenden Hebeln
Trotz unterschiedlicher Modelle läuft die Debatte in nahezu allen Ländern auf dieselben drei Hebel hinaus:
- Attraktivität des legalen Marktes: Spielerschutz funktioniert nur, wenn legale Angebote genutzt werden – und nicht als „zu restriktiv“ empfunden werden, während der Schwarzmarkt unbegrenzt lockt.
- Vollzug an den Schlüsselstellen: Domain-Sperren sind wichtig, aber oft nicht ausreichend. Immer zentraler werden Zahlungsströme, Werbeplattformen, App-Stores, soziale Netzwerke und Affiliate-Kanäle.
- Messbarkeit und Transparenz: Wer Kanalisierung politisch bewerten will, braucht belastbare, vergleichbare Daten – sonst reden Regulierung, Anbieter und Politik aneinander vorbei.
Für Deutschland wird die anstehende Evaluierungsphase damit nicht nur ein nationaler Prüfstein, sondern Teil einer europäischen Grundsatzfrage: Wie reguliert man einen digitalen Glücksspielmarkt so, dass Schutzmaßnahmen wirken – ohne den Schwarzmarkt unbeabsichtigt zu stärken?
Lesen Sie hier den achten Teil unserer Serie zur Evaluierung des Glücksspielstaatsvertrags.
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