Interview mit dem Deutschem Kartenmuseum: Von China nach Europa – im Gespräch über die Geburt der Spielkarte

Ulli Schmitt
ISA-GUIDE Inhaber
E-Mail: ulli@isa-guide.de


Deutsches Spielkartenmuseum Leinfelden-Echterdingen
Originale um 1450
(Fotovorlage: Landesmuseum Württemberg, Hendrik Zwietasch)
Deutsches Spielkartenmuseum Leinfelden-Echterdingen
Originale um 1450
(Fotovorlage: Landesmuseum Württemberg, Hendrik Zwietasch)
Spielkarten zählen zu den folgenreichsten Kulturgegenständen der Glücksspielgeschichte. Ihre Ursprünge reichen bis nach China zurück, von wo aus sie über Handelswege und kulturellen Austausch im 14. Jahrhundert nach Europa gelangten. Dort entwickelten sie sich rasch weiter – beeinflusst von religiösen Vorstellungen, gesellschaftlichen Hierarchien und regionalen Machtverhältnissen. Bereits im Mittelalter spiegelten Kartenbilder Weltbilder, Moralvorstellungen und soziale Ordnung wider und bewegten sich im Spannungsfeld zwischen Zeitvertreib, Glücksspiel und Verbot.

Im folgenden Interview gibt das Deutsche Spielkartenmuseum Einblicke in die frühen Ursprünge der Spielkarte, ihre symbolische Gestaltung und ihre gesellschaftliche Bedeutung im Mittelalter. Thematisiert werden die handgemalten Luxusspiele des Adels, gedruckte Volksspielkarten, regionale Unterschiede in Europa sowie jene Elemente mittelalterlicher Kartengestaltung, die bis heute in modernen Spielkarten fortleben.

Unsere Gesprächspartnerin ist Frau Dipl.-Ing. (FH) Katrin Ochs.

Ulli Schmitt, ISA-GUIDE: Welche Hinweise gibt es auf die Ursprünge der Spielkarten in China und über welche Wege gelangten sie im 14. Jahrhundert nach Europa?

Katrin Ochs: In der T´ang-Dynastie im 7. Jahrhundert n. Chr. spielte Yang Tan-ien nach einer Quelle des chinesischen Historiker Ou-yang Hsiu mit Papierblättchen. Auf die zweidimensionalen Kärtchen waren die verschiedenen Seiten eines Würfels übertragen. Diese Papierblättchen oder Geldkärtchen ersetzten die reale Währung. Papier wurde in China um 140 v. Chr. aus Bambusfasern hergestellt, in Indien um 500 v. Chr. aus Palmenblättern und in Ägypten 3000 v. Chr. aus Papyrus. Mit der Technik des Holzschnitts erfolgte das Bedrucken von Seide bereits 25 bis 220 n. Chr. in der chinesischen Han-Dynastie. Kunst und Kultur blühten besonders in der T´ang-Dynastie, Chinas goldenem Zeitalter mit regem Handel. Über die Wege der Seidenstraße gelangten Handelswaren wie Kunsthandwerk, Papier oder Tee in andere Länder. Spielkarten erreichten über diese See- und Landwege den persisch-arabischen Raum und schließlich Europa. Dabei beeinflussten die Motive von prächtigen ägyptischen Spielkarten der Mamelucken die europäischen Spielkarten. In Folge der Spielkartenverbote verschiedener europäischer Städte, wie 1377 in Florenz, verfasste der Mönch Johannes von Rheinfelden im selben Jahr das älteste in Europa bekannte Traktat über Spielkarten. Spielanleitungen verschiedener Spiele sind nicht erhalten, die schriftliche Erfassung von Spielregeln fand erst im 16. Jahrhundert statt.

Ulli Schmitt, ISA-GUIDE: Spielkarten tragen oft Symbole. Inwiefern spiegeln die ersten Kartendecks kulturelle, religiöse oder gesellschaftliche Einflüsse wider?

Katrin Ochs: Spielkarten spiegeln die Kulturgeschichte und die Lebensrealität der Menschen. Die Handelsorientierung der Gesellschaft zeigt sich im Spiel. Schriftzeichen und Geldsymbole der ersten chinesischen Spielkarten werden mit Geldkarten assoziiert und weisen auf eine Verwendung im Glücksspiel.

Neben Schrift, Münze, Becher, Stab und Schwert schmücken abstrakte Ornamente mameluckische Spielkarten. Spanien und Italien übernahmen Motive und ergänzten das islamische mameluckische Vierfarbensystem mit Figuren. Figurenkarten der handgemalten Luxusspiele und Volksspielkarten bildeten die mittelalterliche Ständeordnung im Kartenspiel ab. Münzen stehen für handeltreibende Bürger wie Kaufleute, Kelche für die Kirche, Stäbe für Bauern und Schwerter für den Adel. Die italienischen Trumpfkarten Trionfi zeigen Liebe, Tod, Glück, Zeit (Eremit), Kaiser und Kaiserin, Papst und Päpstin, Tugenden (Gerechtigkeit, Mäßigung, Stärke), Sonne, Mond und Sterne, Das Jüngste Gericht und Die Welt.

Ulli Schmitt, ISA-GUIDE: Wie schnell verbreiteten sich Spielkarten vom Adel in die breitere Bevölkerung? Gab es Unterschiede zwischen Stadt und Land?

Katrin Ochs: Gedruckte Volksspielkarten verbreiteten sich rasch, in der Stadt noch schneller als auf dem Land. Die Nachfrage nach Spielkarten war groß und der Bedarf in der Stadt aufgrund der Bevölkerungsdichte höher. In den Städten gab es mehr Örtlichkeiten und Gelegenheiten zum Spielen.

Ulli Schmitt, ISA-GUIDE: Gibt es Symbole oder Gestaltungen aus dem Mittelalter, die bis heute in unseren Spielkarten sichtbar sind?

Katrin Ochs: Allegorien, wie die Waage für Gerechtigkeit sind nach wie vor präsent. Die Abbildungen der Trionfi-Karten werden in Tarock-Karten verwendet.

Das Symbol Herz ist auf Spielkarten mit deutschen und französischen Farbzeichen abgebildet, die zusätzlich das Symbol Kreuz zeigen.

Spielprinzipien wie die Umdrehung von Machtverhältnissen finden sich auch noch in heutigen Kartenspielen.

Bleiben Sie am Ball: Die Reise geht weiter!

Es bleibt spannend in unserer Serien-Reihe „Eine Reise durch die Zeit: ISA-GUIDE startet das ambitionierteste Projekt seiner Geschichte“.

Dies war nur ein kleiner Ausschnitt aus der kompletten Serie und dem Interview. Wir halten Sie auf dem Laufenden, wie es weitergeht – denn das Beste kommt erst noch.

Alle Artikel unserer Serie Ritter ohne Erbe“ finden Sie hier.

Vormerken: Am 16.06.2026 setzen wir unsere Reise fort. Das Thema dann: „Glücksspiel unter der Totenkopfflagge – wie Piraten ihre Beute verspielt haben“. Seien Sie gespannt, denn Piraten galten nicht nur als gefürchtete Seeräuber, sondern auch als leidenschaftliche Spieler.

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