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Der globale Glücksspielmarkt im Umbruch – Neue Herausforderungen auch für Europa

Der Glücksspielmarkt weltweit boomt wie niemals zuvor. Nordamerika und Kanada zeigen Wachstumsraten von über 20% pro Jahr. Las Vegas, nach dem Terroranschlag schon einmal fast am Boden, kam in 2004 auf seinen bisherigen Besucherrekord von über 36 Mio. Gästen. Die Glückspielindustrie setzte 74 Mrd. US $ um. Gleichzeitig fusionierten immer mehr Glücksspielunternehmen zu immer größeren und damit fast unschlagbaren Gesellschaften.
Asien boomt ebenfalls und völlig neue Glücksspielzentren in Macao und Singapur werden für das chinesische Publikum vorbereitet.

Wir sollten uns jedoch in den nächsten drei Tagen auf den europäischen Glücksspielmarkt konzentrieren.
Auch der europäische Glücksspielmarkt wächst zum Teil zweistellig und er ist einer der wenigen Märkte überhaupt, der noch Wachstumsraten vorzuweisen hat.
Europa ist jedoch in Bezug auf Glücksspiele zweigeteilt. Die Staaten Westeuropas stagnieren, die Tischspiele (Live-Game) sind sogar rückläufig, während die technischen Glücksspiele immer weiter perfektioniert werden.
Die Wachstumsmärkte liegen eindeutig in Osteuropa. Wer hätte noch vor einigen Jahren geglaubt, dass die größten und spektakulärsten Casinos in Moskau und nicht in Südfrankreich, Spanien oder Portugal zu finden sind. In Moskau allein finden sie heute mehr Glücksspielautomaten als in den Ländern der europäischen Gemeinschaft vor der Erweiterung zusammen.
Die Produktion der Glücksspielindustrie, d.h. der Automatenhersteller und der Hersteller von Spieltischen und Gaming-Equipment sind auf Jahre ausgelastet.
Die Sättigung des traditionellen Glücksspielmarktes auch in Europa ist noch lange nicht erkennbar, nahezu täglich werden neue Glücks- und Wettspiele erfunden und über alle Medien in den Markt „gepumpt“.
Dieses ist die ökonomische Seite, die sich so rasant entwickelt, dass die Gesetzgebung (Legislative) und die Regulation nicht folgen können und die Menschen mit diesem Überangebot an Glücks-, Wett und Unterhaltungsspielen schlicht überfordert sind. Die rasante Zunahme an Bürgern, die mit den Glücks- und Wettspielen finanzielle Probleme bekommen ist hierfür ein signifikantes Zeugnis. Das Überangebot an Glücksversprechen trifft auf unvorbereitete Menschen, die sehr schnell in Abhängigkeit geraten.

Noch niemals zuvor war der globale Glücksspielmarkt einer derart radikalen Veränderung unterworfen wie heute, einmal durch die Vielfalt des Angebotes, mehr noch durch das Spielen im Internet, besser bekannt als das „Online-Gaming“.

Hartmut Nevries, <br>Vize-Präsident der EASG Als wir vor 7 Jahren auf dem Kongress der EASG in München zum ersten Mal das Thema Online-Gaming behandelt haben, waren wir der Meinung, dass die technischen Schwierigkeiten, die mit diesem Spielangebot verbunden sind, unbeherrschbar bleiben und wir glaubten ebenfalls, dass der Spieler sein gewohntes Ambiente, seine Mitspieler und die Atmosphäre in einem Casino braucht, um zufrieden zu sein. Heute müssen wir uns eingestehen, dass wir uns in diesem Punkt richtig getäuscht haben.
William Thompson, Glücksspielexperte und Professor an der Universität Nevada, drückte seine Enttäuschung mit folgenden Worten aus: „Obwohl die Glücksspielzentren wie Las Vegas und Atlantic City mit immer neuen Superlativen anlocken, haben sie langfristig ihr Spiel gegen das Internet schon heute verloren.“
Die Maxime der letzten 50 Jahre „the bigger – the better“, die zur Zeit noch Amerika und Asien zu beherrschen scheint, hat nach Thompson sehr bald „ausgespielt“.

Die nüchternen Zahlen und Fakten unterstützen diese Prognose. Schon für das Jahr 2004 wird der Umsatz im Internet nur mit Online-Casinos auf 8,3 Mrd. US $ geschätzt (Quelle: Christiansen Capital Advisors). Für 2006 sehen seriöse Analysten die Umsatzzahlen schon bei 12,6 Mrd. US $, obwohl das Online-Gaming noch in vielen Staaten der Welt gesetzlich verboten ist.
Wie lange sich diese Staaten diese Verbote noch erlauben können, wird weniger von den Justizministern, sondern von den Haushalts- und Steuerexperten beantwortet.

Alle großen amerikanischen Casino- und Glücksspielgesellschaften sind heute schon an Online-Anbietern beteiligt oder besitzen sie. Natürlich nicht in den USA, sondern in Kanada, in der Karibik oder anderen Steueroasen mit liberaler Gesetzgebung.
In den letzten Monaten erreichten uns in Europa Nachrichten von einem Poker-Boom in amerikanischen Highschools. Die Beteiligung von Schülern an Pokerspielen im Internet nahmen so bedrohliche Züge an, dass die Aufsichtsbehörden aufgefordert wurden einzuschreiten.
Das renommierte „Annenberg-Institut“ fand heraus, dass über 26 % aller US-Schüler bei Pokerpartien Geld einsetzen und dass diese Zahl ständig, wie eine Epidemie wächst.
Über 80 % der Besucher von „Poker-Websites“ weltweit sind Amerikaner, obwohl die Teilnahme gesetzlich untersagt ist.

Nach eigenen Angaben erwirtschaftete das börsennotierte Glücksspielunternehmen „Betandwin“ it Sitz in Gibraltar im Internet in 2004 855 Mio. € Umsatz allein auf dem europäischen Markt.. Die Hälfte hiervon kommt aus den Casinospielen Roulette und Black Jack.
In vielen Ländern hat die Glücksspielgesetzgebung die neue Variante des Glücksspielens im Internet noch nicht zur Kenntnis genommen oder sie haben die Beteiligung an Online-Glücksspielen einfach untersagt, wie in den USA.
59 % der Manager der hundert führenden europäischen Glücksspielgesellschaften erwarten bis 2009 eine europaweite Legalisierung, da die Staaten die Verbote nicht aufrecht erhalten können, weil die Bürger sich über die Verbote hinwegsetzen und online spielen.
Das Wachstum der Online-Spiele ist nicht aufzuhalten. Nigel Payne, Chef der britischen Online-Gesellschaft „Sporting Bet“ schätzt die Zahl der Pokerspieler weltweit auf über 100 Mio., von denen nur 1 % eine der 200 Poker-Online-Websites nutzen. Der Markt ist gigantisch. Ein Ende der

Wachstumslinie ist nicht in Sicht.

Diese wenigen Zahlen mögen ihnen verdeutlichen, in welchem Umbruch sich der Glücksspielmarkt nicht nur in Europa, sondern global gesehen befindet, und dass die großen Zuwächse aus den Ländern kommen, in denen Spielen um Geld aus gesetzlichen, religiösen und ethnischen Gründen verboten ist.

Betrachten wir wieder einmal nur den europäischen Raum, so müssen wir feststellen, dass trotz Verbot schon in 2004 mehr als 4 Mrd. € allein aus dem deutschsprachigen Raum an Online-Anbieter abgeflossen sind. Da diese Gesellschaften häufig ihren Sitz nicht in Europa haben, fehlt das Geld nicht nur dem traditionellen nationalen Glücksspielmarkt, die Steuern aus diesem Markt fehlen auch in den Steuer- und Finanzkassen der Länder.

Seit 1990 bemüht sich die Generaldirektion III der EU – zuständig für den Binnenmarkt der europäischen Gemeinschaft – den Glücksspielmarkt zu harmonisieren, um die enormen Unterschiede der Glücksspielgesetze, der Steuern, des Wettbewerbes und des Spielangebotes auszugleichen und zu liberalisieren.
Obwohl allen Nationen klar ist, dass Unterschiede auch im Glücksspielmarkt zwischen den Ländern missbraucht werden und zu hohen Gewinnen bei denen führen, die sich diese Situation nutzbar machen, hat sich bis heute nicht geändert.
Bis heute, also 15 Jahre später, ist die Harmonisierung auf diesem Markt, selbst in Teilbereichen, noch nicht eingeführt.
Bis 2009 will die EU einen neuen Versuch der Regulierung und Harmonisierung unternehmen. Ob dies jedoch gelingt, ist bei dem derzeitigen Zustand der EU sehr zu bezweifeln.

Durch die technischen Möglichkeiten des Internet gibt es keine nationalen Grenzen und keine nationalen Gesetze mehr, die man nicht leicht umgehen könnte. Die einzige Begrenzung, die es zu geben scheint, liegt in den technischen Fertigkeiten und in den moralischen Bedenken der Benutzer.
Täglich wächst die Zahl der Personen, die einen Computer beherrschen und die das neue Medium „Internet“ erlernen.
Somit wächst auch täglich die Zahl der Personen, die das interessante Feld des Online-Gaming ausprobieren und nutzen. Die Motive hierfür sind allzu menschlich. Es sind: Neugier, Langeweile und Geldgier.
Solange der Computermarkt wächst, solange die Perfektion der Spielanbieter im Internet zunimmt, steigt auch die Zahl der Personen, die an das Online-Gaming mit all seinen vielfältigen Facetten geführt werden.
Es genügt nicht, bei der globalen Vernetzung dieses Mediums, wenn nur ein Land versucht, Regelungen für das Online-Gaming einzuführen und durchzusetzen. In Europa müsste mindestens die Staatengemeinschaft der EU gleiche Regeln und gleiche Vorschriften schaffen.
Die EU muss eine neue Definition des Begriffes „Glücksspiel“ finden und die Spielregeln, die Wettbewerbsbedingungen und Steuerfragen harmonisieren und regeln, damit der Anreiz für illegales und grenzüberschreitendes Spielen im Internet unter gleichen Bedingungen erfolgt.
Auch die Glückspiele folgen den gleichen Marktmechanismen wie der Warenverkehr. Preisliche Unterscheide gleicher Produkte zwischen benachbarten Staaten, führen zwangsläufig zu Schmuggel, also zu rechtswidrigen Handlungen. Die gleichen Mechanismen gelten auch für „Cross-Border-Betting“.

Unsere Gesellschaft ist dringend aufgerufen, sich dieser neuen globalen Herausforderung zu stellen, die enormen Chancen zu erkennen und regulierend einzugreifen und geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, damit das Glücksspiel auch in Zukunft eine sinnvolle, unterhaltsame und kulturell hoch stehende Freizeitgestaltung bleibt und nicht zur Geissel wird.

In den nächsten 3 Tagen werden wir hier in Malmö versuchen, in unterschiedlichen Fachbereichen mit unterschiedlichen Denk- und Lösungsansätzen Antworten auf die Fragen zu finden, die hier aufgeworfen werden.

Ich wünsche der 6. Konferenz der EASG erstmals in Skandinavien, hier in Malmö, einen sehr guten Verlauf und eröffne hiermit die erste Sitzung, in dem ich Ihnen zunächst die Teilnehmer kurz vorstelle, bevor Sie sich mit ihren Themen selbst präsentieren.

6. Konferenz der Europäischen Gesellschaft zur Erforschung des Glücksspiels

Schweden, Malmö – 29. Juni bis 02. Juli 2005

Vortrag von: Hartmut Nevries, Vize-Präsident der EASG