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Horrorvisionen von britischem Las Vegas – Neues Gesetz als Lockruf für Superkasinos

London will mit einem neuen Gesetz über Glücksspiele zusätzliche Steuereinnahmen und wirtschaftliche Anreize in benachteiligten Regionen sichern, aber gleichzeitig auch mehr Kontrolle über das Internet-Geschäft und die Spielsucht einführen.

Das neue Gesetz für Glücksspiele, das die britische Regierung diese Woche dem Parlament im Schnellverfahren zur ersten Lesung unterbreitet hat, ist auf moralischen Protest grösster Bandbreite gestossen. Von der Heilsarmee, Kirchen und sozialen Organisationen über konservative Zeitungen bis hin zum linksliberalen «Guardian» wurde kurzerhand angezweifelt, ob die Labour- Regierung noch bei Sinnen sei. Dem zuständigen Ministerium für Kultur, Medien und Sport wurde vorgeworfen, der Spielsucht Vorschub zu leisten, Tausende von Familien ins Elend zu treiben und Grossbritannien an amerikanische Spielkasino- Ketten zu verkaufen. «Las Vegas upon Thames» war am Mittwoch die Schreckensvision der Medien.

Neue Einnahmen gesucht

Zunächst handelt es sich um eine Reform des bereits 36 Jahre alten bisherigen Gesetzes, das die Wetten und Glücksspiele bisher geregelt hat. Das kann, wie der «Guardian» bemerkte, nun allerdings kein genuines Anliegen einer Labour-Partei sein. Und es ist schon gar nicht klassenkämpferisch abgestützt wie das ebenfalls umstrittene Verbot der Fuchsjagd. Der Auslöser ist prosaischer und somit finanzieller Natur. Die Abwanderung der hierzulande beliebten Wetten und Glücksspiele auf das wenig kontrollierte Internet entzieht dem Fiskus Einnahmen, nachdem die Besteuerung persönlicher Spielgewinne schon 2001 aufgehoben worden war. Dies hatte im Übrigen zur Folge, dass der Umsatz der Glücksspiel- Industrie seither von 8 auf 40 Milliarden Pfund zugenommen hat. Internet-Kasinos durften bisher aber nicht von Grossbritannien aus betrieben werden, so dass dieses Geschäft ins Ausland abwanderte. Das soll jetzt, aber immer unter Kontrolle, geändert werden.

Seit längerem liegen grosszügige Angebote ausländischer, vor allem amerikanischer Kasinoketten vor, die eine Liberalisierung der bisherigen strengen Auflagen nahelegten. Die Regierung will deshalb jetzt offenbar aufgrund von Marktgesetzen 20 bis 40 neue Superkasinos zulassen, in denen einarmige Banditen mit einem Jackpot von bis zu einer Million Pfund stehen dürfen. Dafür sollen kleinere Gewinne verheissende Spielmaschinen aus Schnellimbissbuden und von Kleintaxiständen, wo sie vor allem auch Jugendliche anlocken, entfernt werden. Die neuen Schutzbestimmungen, namentlich ein «Frühwarnsystem» für Spielsüchtige (wie immer auch so etwas funktionieren mag), sind nach Ansicht der Regierung von den Kritikern übersehen worden. Diese fürchten jedoch, dass sich die Zahl der Süchtigen (zurzeit unzuverlässig auf 350 000 geschätzt) verdoppeln wird.

Vergnügungszentren zur Wirtschaftsförderung

Über die grosszügige Öffnung von Grosskasinos soll vor allem von den lokalen Behörden entschieden werden. Unter Arbeitslosigkeit leidende Industriestädte im Norden sollten somit nach Ansicht der Regierung die Gelegenheit ergreifen können, sich mit Gegenleistungen der Kasinobetreiber städtische Sanierungen finanzieren zu lassen. Der neue Spielboom soll nämlich 85 000 neue Arbeitsplätze (bisher 100 000) schaffen. Vergnügungszentren sollen die lokale Wirtschaft ankurbeln – eine Rechnung, die längst nicht überall aufgegangen ist.