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WSOP – Das Rio wird zur Schlachtbank

Ein Artikel von Alex Lauzon

Es war geplant, die Teilnehmerzahl mit 8.000 zu begrenzen. Dementsprechend, wurde auch das Anheben der Blindstruktur so festgelegt, dass sich das Feld der Spieler regelmäßig verkleinern sollte, bis zum Final Table am Donnerstag, den 10 August. Doch bringt das moderne Pokerspiel laufend Überraschungen. Nicht nur der Rahmen der Teilnehmerzahl wurde gespengt – 8.773 Spieler legten $ 10.000 auf den Tisch – auch wird die Rasanz des Spiels, entgegen allen Erwartungen, um ein Vielfaches übertroffen.

Möchten wir Turnierpoker mit herkömmlichen Sportarten in Vergleich stellen, so ist es das Ziel, den Gegner langsam zu ermüden, ihm dabei mehr und mehr Chips abnehmend. Durch grobe Attacken drängen wir ihn in die Defensive, dann folgt ein Scheinangriff, der dazu dient, ihn zu verwirren. Wir streben nach vorne, ziehen uns zurück, schlagen von der Seite zu, versuchen, ihn aus der Fassung zu bringen.

Sehen wir ihn angeschlagen, halten die passende Waffe in der Hand, dann lassen wir ihn vorstoßen, lassen ihn hoffen, durch einen gelungenen Schlag wieder an Position zu gewinnen, provozieren ein All-in, und als symbolischen Todesstoß stapeln wir all seine Chips vor uns auf, während er, mit hängendem Kopf, den Spielsaal verlässt.

Doch beim Hauptereignis der WSOP 2006 wurde diese Strategie abgelöst durch die Devise: Shoot to kill! Ein All-in folgt dem anderen. Nicht der langsame Aufbau des Stacks ist das Ziel, sonder die Verdopplung, das Eliminieren des Gegners, ungeachtet des Risikos.

Am 3. Spieltag wurden die 1.139 Überlebenden der beiden Vortage (auf insgesamt 6 Tage aufgeteilt) auf eine Gruppe zusammengezogen. Wie Sie wissen, viele der Stars, wie Doyle Brunson, Johnny Chan, Phil Hellmut und viele, viele andere, hatten sich bereits verabschiedet. Das Anheben der Blinds war darauf abgestimmt, dass sich dieses Feld, bis zum Ende des Tages, auf 600, also rund die Hälfte, reduzieren sollte. Es waren nicht mehr als 481.

Nun begann Tag 4. Das Schema besagte, die – ursprünglich erwartete – Teilnehmerzahl von 600 auf wiederum die Hälfte, also 300, zu reduzieren. Die, in diesem Jahr, so weit verbreitete Lust auf All-ins, wollte es aber anders. Von den 481 Teilnehmern, schafften es nicht mehr als bescheidene 135, ihr Überleben am Tisch zu sichern.

Somit saßen am Beginn von Tag 5, anstatt geplanter 300 Spieler, nur noch 135 auf ihren Plätzen, weniger als die 150, die man für das Ende dieses Tages geplant hatte. Spätestens jetzt, hätte man erwarten sollten, dass die Teilnehmer daraus ihren Vorteil schlagen würden. Die Blinds waren, im Vergleich zum durchschnittlichen Stack, extrem niedrig. Es gab absolut keinen Anlass, hohes Risiko in Kauf zu nehmen und mit fragwürdigen Karten All-ins zu callen.

Doch die Zahl der wirklichen Profis in diesem Feld war sehr klein geworden. Der Kampf ohne Stil, eingeleitet in den vorangegangenen Tagen, ging in härtester Form weiter. Unglaublich groß war die Zahl derer, denen es gelungen war, 98% des Teilnehmerfeldes hinter sich zu lassen, die Hundertausende von Dollars in Turnierchips vor sich aufgestapelt hatten, und die trotzdem, all das Kapital, das sie während dieser Tage hatten ansammeln können, auf ein einziges Blatt setzten, ohne durch den Druck steigender Blinds dazu gezwungen zu sein.

Pokerexperten in Las Vegas schüttelten nur mehr die Köpfe. Das Hauptereignis der WSOP 2006 wurde mit einem Freeroll im Internet in Vergleich gestellt.

Schließlich beschloss die Turnierleitung, den Tag bis zur Teilnehmerzahl von 45 (anstatt erwarteter 150) zu spielen.

Spielbeginn ist immer um 12:00 Uhr mittags. Meist dauert es bis lange nach Mitternacht, gelegentlich bis in die Morgenstunden, bis der Tag zu einem Ende kommt. Gegen 11:30 Uhr abends wurde schließlich Sean Johnson an 46. Stelle eliminiert, kassierte dafür einen Scheck über $ 164,932, und der 5. Tag war zu Ende.

Der weitere Plan hat sich nunmehr insofern verändert, dass am Montag bis zu einer Teilnehmerzahl von 27 gespielt wird. Am Dienstag wird eine Pause eingeschoben. Am Mittwoch, den 9. August, geht es dann nach Plan weiter. Die 27 Verbleibenden werden ausfechten, wer am Donnerstag, den 10. August, am Final Table sitzen darf. Ob dies vielleicht schon im Laufe des Nachmittags der Fall sein könnte?

Kommt es zu einem zeitigen Ende, bietet Las Vegas genügend Unterhaltungsmöglichkeit – der südliche Strip bei Nacht

Der, im Chipcount an 14. Stelle liegende, Andrew Schreibmann, stammt aus „Vienna“, was aber nicht mit der Heimat von Johann Strauß verwechselt werden sollte. Dieses Vienna ist eine Kleinstadt im amerikanischen Bundeststaat Virginia.