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Berlin als Vorbild

Zwei Gruppen verfolgen Pläne für den Bau eines Kasinos in der Stadt Zürich. Das eine Projekt betrifft die zentral gelegene alte Börse beim Paradeplatz. Ein solches typisches Stadtkasino wird in Berlin seit Jahren am Potsdamer Platz betrieben. Ein Besuch hat gezeigt, dass die Spielbank Berlin zur Belebung der neugestalteten Gegend beiträgt.

Natürlich ist es vermessen, Zürich mit Berlin zu vergleichen: Hier die zwar mit rund 350 000 Einwohnern grösste Stadt der Schweiz, dort die deutsche Hauptstadt mit 3,4 Millionen Einwohnern. Eines ist aber beiden Metropolen gemeinsam – die rege Bautätigkeit und der konsequente Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Während an der Limmat seit einigen Jahren im Norden und Westen neue Quartiere entstehen oder alte Bausubstanz erneuert wird, erfährt an der Spree seit der Wende vor allem die Stadtmitte einen baulichen Wandel. Im Unterschied zu Berlin fehlt es Zürich aber nicht nur an einer U-Bahn und an einem schönen Fussballstadion, sondern auch an einem Kasino. Für die U-Bahn ist der Zug in Zürich wohl für immer abgefahren, hingegen befindet sich das neue Letzigrundstadion schon im Bau. Und für ein «kleines» B-Kasino mit maximal 150 Spielautomaten und 14 Grand-Jeu-Tischen in den Räumen der Konkurs gegangenen Diskothek El Cubanito in der alten Börse beim Paradeplatz gibt es von der Casino Zürich AG ein 25-Millionen-Franken-Projekt. Daneben arbeitet die Swiss Casinos Holding AG an Plänen für ein Kasino im Einkaufszentrum Sihlcity.

Anbindung an den öffentlichen Verkehr

Grund für den Aktionismus an der Stadtzürcher Kasinofront ist das 2001 gemachte Versprechen der Eidgenössischen Spielbankenkommission, fünf Jahre nach der Vergabe der Lizenzen die Lage zu überprüfen und gegebenenfalls neue Konzessionen zu vergeben. Der ganze Kanton Zürich ging seinerzeit leer aus, obwohl acht Projekte eingereicht worden waren. Zum Handkuss kamen dafür Baden, Pfäffikon (SZ), Schaffhausen und St. Gallen. Casino Zürich macht sich grosse Hoffnungen, dass in der zweiten Runde Zürich doch noch zu einem Kasino kommt. Geplant ist ein typisches Stadtkasino in der City nach dem Vorbild der Spielbank Berlin am Potsdamer Platz, die über keine eigenen Parkplätze verfügt und gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist. Solche Beispiele sind in der Schweiz rar.

Cowgirl und Quartierbelebung

Die Spielbank Berlin, 1998 vom Europacenter an den Potsdamer Platz umgezogen und Aktionärin der Zürich Casino AG, befindet sich in unmittelbarer Nähe eines Regionalbahnhofs für S- und U-Bahn sowie für Nachtbusse. Zum Kasino gehören keine Parkplätze, unterhalb des Potsdamer Platzes hat es aber ein privates Parkhaus mit 4000 Feldern, das auch für die Besucher von Museen, Kinos, Einkaufszentren, Läden, Restaurants und Hotels zur Verfügung steht. Die Spielbank erstreckt sich auf drei Stockwerken über 10 000 m[2], wobei im Parterre und Untergeschoss die 300 Automaten angesiedelt sind und im Obergeschoss an den Roulette- und Black-Jack- Tischen gezockt wird. Eingerichtet ist das Haus, das 2005 einen Bruttospielertrag von rund 85 Millionen Euro erzielt hat, eher nüchtern und nach amerikanischer Art mit viel Neonlicht. An den Wänden blinken farbig Palmen, Sonnen, Flugzeuge und das Meer. An einer anderen Wand räkelt sich ein übergrosses und illuminiertes Cowgirl neben einem Kaktus, während vor allem viele Rentner und Asiaten davon keine Notiz zu nehmen scheinen und konzentriert auf ihr Glück warten. Ein zweites Kasino hat es in Berlin am Alexanderplatz.

Laut Steffen Stumpf, Direktor der Spielbank Berlin, sorgt das Kasino mit seinen täglich gegen 2000 Besuchern bis um 5 Uhr morgens für die Belebung der anfänglich von den Berlinern nicht angenommenen neugestalteten Gegend um den Potsdamer Platz. Dabei machten auswärtige Gäste wie Touristen und Geschäftsleute rund 40 Prozent der Kundschaft aus. Mehr Leben in die heute nächtens fast ausgestorben wirkende Gegend hinter dem Zürcher Paradeplatz zu bringen, ist auch das Ziel von Fernando Mutti, Projektleiter der Casino Zürich AG. Nicht zuletzt deshalb werde das Projekt in der alten Börse vom Stadtrat unterstützt. Mutti rechnet in Zürich sogar mit einem Anteil an auswärtigen Gästen von bis zu 50 Prozent. Und wer in Zürich trotzdem mit dem Auto kommen wolle, finde in der Nähe der alten Börse rund 3000 öffentliche Parkplätze.

Bundesrat will Ende Jahr entscheiden

Die Eidgenössische Spielbankenkommission erstellt einen Bericht zuhanden des Bundesrats, in dem sie die Kasinolandschaft fünf Jahre nach der Lizenzvergabe beurteilt und den sie in diesem Herbst dem Bundesrat vorlegen will. Die Kasinobetreiber erwarten, dass etwa ein Jahr später entschieden wird, ob es zu Anpassungen kommt. Denkbar ist, dass es eine offizielle Ausschreibung gibt oder dass einzelne Projekte angeschaut werden. Es würde aber auch nicht erstaunen, wenn gar nichts passiert. Allerdings ist seit 2001 das Kasino in Arosa geschlossen, und dasjenige in Engelberg wurde nie eröffnet.