English Montag, 13. Februar

Flagge: United States of America Party ohne Ende in der Spielerstadt

Veröffentlicht am 15.12.2004 06:41 Uhr

Las Vegas wird 100 Jahre alt und feiert sich selbst

Las Vegas/dpa. Das Brautpaar im Westernlook hat Mühe, die Fassung zu bewahren, die beiden Teenager kichern. «Viva Las Vegas» röhrt ein schlechter Elvis-Imitator, das Playback aus dem billigen CD-Spieler scheppert. Zwar trifft «Elvis», einer der ungezählten in Las Vegas lebenden Kopien des Kings, nicht den richtigen Ton. Doch die unfreiwillige Komik nimmt der Hochzeitszeremonie in der «Vegas Wedding Chapel» etwas von ihrem Kitsch. «Viva Las Vegas» dürfte 2005 zur allgemeinen Hymne auf die Spielermetropole werden, denn am 15. Mai feiert die Wüstenstadt im US-Bundesstaat Nevada mit einer großen Party auf der Hauptstraße, dem «Strip», ihre Gründung vor 100 Jahren.

Venedigs Kanäle mitten in Nevada - Las-Vegas-Besucher finden in der Wüstenmetropole auch einen Hauch des "alten Europa" vor
Schon so alt? Noch so jung? Las Vegas entzieht sich herkömmlichen Kategorien. Die Millionenstadt wächst in so Atem beraubenden Tempo und verändert so schnell ihr Gesicht, dass Betrachtungen über Geschichte und Tradition in ihrem Fall eigentlich müßig sind. Las Vegas ist immer genau das, was jeder der mehr als 35 Millionen jährlichen Besucher gerade von der kitschigsten, witzigsten, geschmacklosesten und coolsten Stadt der Welt denkt.
Vor 100 Jahren waren «die Wiesen» - nicht anderes bedeutet der Name Las Vegas - eine öde Wüstenstadt mit ein paar heißen Quellen und nicht einmal 1000 Einwohnern. Der Bau der Bahnlinie von Salt Lake City nach Los Angeles und des monumentalen Hoover-Staudamms in der Nähe jedoch änderten das Gesicht der Stadt. Der Staat Nevada hob 1931 das 20 Jahre zuvor erlassene Spielverbot wieder auf, und die Arbeiter von der riesigen Staudamm-Baustelle vergnügten sich fortan am Wochenende in Las Vegas.

Die ersten Hotelkasinos öffneten in den vierziger Jahren. Es begann die wilde Zeit von Mafia und Prostitution, von heißen Pokerpartien und dem «Rat Pack» um Frank Sinatra. Aus den Wiesen wurde «Sin City», das Sündenbabel, das die Amerikaner und später auch ausländische Touristen zugleich magisch anzog und ein bisschen abschreckte.
Mittlerweile ist das nicht mehr ganz so. Zwar gibt es vieles, was früher für Gänsehaut sorgte, auch heute noch. Doch die Wüstencity hat sich in rasantem Tempo in eine Showmetropole, eine Stadt gigantischer Themenhotels und nicht zuletzt zu einem Messe- und Kongresszentrum verwandelt. Aus der «Sin City» wurde die «City of Entertainment».

Und nicht zu vergessen: Sie ist weiterhin ein Heiratsparadies. An die 100 000 Paare trauen sich jedes Jahr, darunter einige Hundert aus Deutschland. Sigrid Sommer («Bei uns im Haus wohnt auch ein Elvis»), seit vielen Jahren die deutsche Honorarkonsulin in Las Vegas, hilft den Ratlosen mit Tipps und besorgt für ein paar Dollar die notwendigen Übersetzungen und Papiere, die auch deutsche Behörden davon überzeugen, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Heiraten in der verrückten Stadt ist sehr speziell, die Wedding Chapels bieten wie auf einer Speisekarte das «Wedding Special» für 45 Dollar (34,60 Euro) mit Rose und einem Foto bis zur «Formal Wedding» mit Stretch-Limousibe, Brautkleidung und Blumenbouquet für 299 Dollar (225 Euro). Nach oben ist sowieso keine Grenze gesetzt, und wer richtig Geld ausgeben will, lässt sich zum Grand Canyon fliegen oder sein Hotel eine Super-Party organisieren. Und, na klar, es gibt auch eine «Elvis Chapel».

Wer will, kann in Las Vegas eine Party ohne Ende feiern. Die Stadt schläft nie, und das günstige Bacon-and-Eggs-Frühstück für 2,99 Dollar (2,25 Euro) gibt es ohnehin nur von Mitternacht bis morgens um 5.00 Uhr. Allerdings können Kunstliebhaber auch alte Meister im Guggenheim Hermitage Museum im «Venetian»-Hotel betrachten, Golf spielen, eine Sterne-würdige Küche genießen, einkaufen ohne Ende oder schlicht an einem der riesigen Swimmingpools faulenzen. Das alles und noch viel mehr bietet das neue Las Vegas.

Mehr als 130 000 Hotelzimmer gibt es, so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt an einem Ort. Sie kosten von 20 bis ein paar Hundert Dollar pro Nacht, und es werden immer mehr. Im Jahr 2005 will der Milliardär Steve Wynn sein neues Luxusresort «Wynn Las Vegas» eröffnen. Es ist 2700 Zimmer groß und mehr als zwei Milliarden Euro teuer.

Luxus ist gefragt in der Stadt der Gigahotels, die den Besucher angesichts ihrer Größe manchmal schier zu erschlagen scheinen. Das «MGM Grand» zum Beispiel hat mehr als 5000 Zimmer - Weltrekord.

Aber kann das funktionieren, klappt die Organisation, sind die Zimmer sauber, wie sieht die Rechnung am Ende aus?

Keine Sorge, egal ob im «MGM» oder einem der anderen großen Themenhotels auf dem Las Vegas Boulevard, kurz «Strip» genannt: Die Amerikaner sind Meister im Organisieren von Massenevents. Wer nicht gerade an einem Freitag oder Samstag ankommt, kann ein reibungsloses Einchecken erleben und freut sich, wie schnell und bequem man in den kostenlosen Parkhäusern einen Platz findet, die zu jedem größeren Hotel gehören.

Es gibt von der billigen Absteige bis zum Luxusresort jegliche Hotelkategorie in Las Vegas. Aber ganz ehrlich: Wenn schon Vegas, dann will man doch bitte auch da wohnen, wo es kracht und wummert und leuchtet und klingelt. Also am «Strip», wo mit dem «Cesars Palace» in den sechziger Jahren das erste Themenhotel eröffnete. Heute gehört es dort zum guten Ton, den Gästen eine Attraktion völlig kostenlos zu bieten. Es ist kein Witz: Die Kommerzstadt Las Vegas, die schon auf dem Flughafen die «einarmigen Banditen» klingeln lässt und in der jedes Jahr an die sechs Milliarden Dollar im Glücksspiel ausgegeben werden, gönnt ihren Besuchern auch etwas, ohne die Hand aufzuhalten.

Da gibt es den Vulkan vor dem «Mirage», die Fontänenshow vor dem «Bellagio», Ritterkämpfe im «Excalibur» oder die Seeschlacht vor dem «Treasure Island»-Hotel. Die irren Achterbahnen, die wie im «New York» oder im «Sahara» durch die Lobby sausen oder am Turm des «Stratosphere» kleben, kosten allerdings ein paar Dollar.

Und das ist längst nicht alles: Im «Mirage» zum Beispiel sind die berühmten weißen Tiger von Siegfried und Roy zu bewundern. Auch wenn das Magierduo seit dem schweren Unfall von Roy im Oktober 2003 nicht mehr auftritt, sind die Deutschen in der Wüstenmetropole weiterhin immer präsent. Sei es als Fotomotiv vor ihrem Denkmal am «Strip», als Produzenten einer neuen Havanna-Show oder in ihrem Dschungelgarten im «Mirage». So wie Vegas in den Fünfzigern von «Frankieboy» Sinatra und seinen Sauf- und Singkumpanen geprägt war, später vom schwülstigen Kitsch-Pianisten
Liberace und dann von Elvis Presley, so verkörpern Siegfried und Roy den Übergang zum modernen, familientauglichen Las Vegas mit seinen exzellenten Shows, guten Lokalen und Top-Hotels.

Die Hotelbetten hinterhergeschmissen, das Essen praktisch umsonst - das war einmal in Las Vegas. Qualität kann nicht umsonst sein, trotz der hohen Einnahmen aus den Slotmaschinen und von den Roulette-und Black-Jack-Tischen. Gerade ausländische Gäste spielen verhältnismäßig wenig und laufen lieber staunend durch das Lichtermeer am «Strip», das besonders am Abend nichts an seiner Faszination eingebüßt hat. Über die Energieverschwendung sollte man sich in Las Vegas dagegen besser keine Gedanken machen - es erhöht nur die Depressionsgefahr.

Bei den Hotelpreisen gibt es allerdings saisonale Unterschiede: Deutsche Gäste, die ja meist im Sommer in die USA reisen, werden erfreut feststellen, dass in den heißen Monaten, besonders im August, selbst Zimmer in Top-Hotels günstig zu haben sind. Einige Beispiele aus dem August 2004: «Stratosphere Tower» für 46 Dollar pro Nacht, «Aladdin» für 99 Dollar, «Sahara» für 49 Dollar, «Paris» für 109 Dollar, «Treasure Island» für 68 Dollar und «MGM Grand» für 79 Dollar. Die Preise gelten an Wochentagen pro komfortables Zimmer, nicht pro Person. Am Wochenende wird es dann aber einiges teurer.

Wer also 2005 bei seinem Las-Vegas-Besuch ein paar Dollar mehr für die Pokerrunde behalten will, sollte vielleicht den 15. Mai mit der großen «Happy Birthday»-Party besser meiden. So spannend ist das Programm mit dem Anschnitt der größten Torte der Welt als Höhepunkt dann auch wieder nicht. In Las Vegas ist ohnehin immer Party, und irgendwo schmettert immer ein Elvis - mal besser, mal schlechter -sein «Viva Las Vegas».



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