(rs) Bevor Gambling in vielen anderen amerikanischen Bundesstaaten zugelassen wurde, hatte es Las Vegas relativ einfach, die Zocker in die Stadt zu bekommen. Je weniger Konkurrenz, desto sicherer, dass ein Geschäft funktionieren wird. Dies wissen wir alle. Allerdings hat so ein Zustand auch Nachteile. Konkurrenz belebt das Geschäft, sagt man, und in einem freien Markt, wo die Konkurrenz einem bei jedem Schritt, den man unternimmt, auf die Finger schaut, da haben alle Parteien ihre Vorteile. Je größer und liberaler ein Markt sich gestaltet, desto besser für die potentiellen Kunden. Dann gilt auch das Motto: Nur der Starke überlebt. Daher erlebt man in Las Vegas ständig wieder, dass einige Casinos aus dem Geschäft gehen, entweder, weil sie aufgekauft werden oder weil sie bankrott gehen und sich gegen die übermächtige Konkurrenz nicht wehren können.
[bild:1]Was das ganze mit dem Higroller-Geschäft auf sich hat, ist relativ einfach zu erklären: Bevor in den anderen US-Staaten Casinos zugelassen waren, und bevor Las Vegas die Größe erreichte, die es heute hat, da gab es relativ wenig Konkurrenz. Das Geld kam eigentlich fast automatisch in die Kassen. Währenddem in anderen Staaten nur das illegale Glücksspiel lief, wo sich einige Zocker nicht hineinwagten, so stand ihnen immer noch die Alternative offen, schnell mit dem Flugzeug nach Vegas zu fliegen. Ein Telephon genügte und der Rest wurde arrangiert. Die Verantwortlichen im Casino-Management kannten ihre "guten Gäste" und arrangierten die Zimmerreservierung und alles andere relativ unkonventionell. Doch damals gab es noch keine Luxussuiten für High-Rollers. Auch gab es noch keine Slot-Clubs oder Players Cards für die Tischspiele. Ein Wort des Pit Boss genügte, um die entsprechenden Einladungen für Hotelzimmer, Restaurantbesuche, Showtickets und dergleichen zu autorisieren. Die ursprünglichen "High-Roller"-Zocker hatten bereits sämtliche Vergünstigungen und Privilegien, wenn sie nur schon mit 5.000 oder 10.000 Dollar in der Tasche angereist kamen und dieses Geld in der Casino-Cage (so nennt man den Kassenbereich des Casinos) deponierten. Während heute bei einer sogenannten Cash-on-Deposit –Transaktion diverse Formalitäten erledigt werden und das ganze über Computerbuchungen vonstatten geht, so genügte damals ein Wort und das allermindeste an Papierarbeit. Eine Unterschrift des Gastes war meistens ausreichend, und die Kredit-Marker wurden ausgehändigt. In den 60er-Jahren galt man bereits als Großzocker, wenn man beim Black Jack Einsätze in der Grössenordnung von 100-200 Dollar tätigte. Kredit-Rahmen bis 5.000 Dollar, gelegentlich sogar bis 10.000 Dollar wurden zugesprochen, und sehr selten einmal wurde einem sehr guten und kreditwürdigen Zocker ein Darlehen von 25.000 Dollar ausgesprochen. Damals war es nicht gestattet, Spielschulden in anderen Staaten als Las Vegas legal einzufordern. Daher der Grund, weshalb die Casinos keine großen Darlehen ausgeben konnten. Wenn ein Zocker sich nämlich anschließend weigerte, das Geld zurückzuzahlen, gab es nur wenig legale Mittel für das Casino, wieder an sein Geld heranzukommen (dafür jedoch viele unlautere, die effektiv eingesetzt wurden...).
Mit dem Ölboom, der das Geld aus Texas in größeren Summen nach Las Vegas brachte, entwickelten sich neue Dimensionen. Die Kreditrahmen wurden kontinuierlich nach oben getrieben. Einigen Zockern gestattete man nun bereits Limits bis 100.000 Dollar zu.
[bild:2]Je größer die Hotels und Casinos wurden, desto mehr Geld wurde nötig, um die Bauten fertig zu stellen. Howard Hughes war eine bekannte Persönlichkeit. Dieser Mann kaufte in den späten 60er Jahren einige Hotels am Las Vegas Boulevard auf, und man begann sich zu fragen, woher das viele Geld für diese Übernahmen stammte. Die Spielbankenaufsicht von Nevada wartete nach diesem Debakel nicht mehr lange und änderte die Anforderungen. So musste nach der Nevada Corparate Gaming Act von 1967 und 1969 ein Käufer eines Casinos über eine entsprechende Lizenz verfügen. Geld alleine war dann keine Lizenz mehr für den Erwerb eines Casinos. Damit sollte unmöglich gemacht werden, dass Gelder aus der Unterwelt verwendet werden konnten, um Casinos am Las Vegas Strip zu bauen. Hilton war die erste börsengehandelte Firma, die ein Casino in Las Vegas betrieben hat.
Was die Autorisation von Restaurant-Comps und ähnlichem Betrieb betrifft, so ging es damals sehr unkonventionell zu und her. Ein Floorman konnte den Pitboss über einen Spieler informieren, der die Chips nur so über den Tisch fliegen ließ, und schon wurde alles weitere arrangiert. Allmählich jedoch wurde einigen Casinos bewusst, dass viele Spieler mehr hinter den Complimentaries her waren als hinter den Spielgewinnen. Sobald einer seine Suite und seine Tickets für den Boxkampf hatte, reduzierte er kontinuierlich seine Einsätze am Tisch und damit die Chance für das Casino, an sein Geld zu kommen. Der Trick war, in den ersten paar Runden mit hohem Einsatz zu spielen und so die Aufmerksamkeit der Floormanager auf einen zu ziehen, und dann, sobald man als "big player" registriert war, sein Setzverhalten etwas nach unten zu korrigieren. Denn meistens war die Zimmerreservierung und die Dinnereinladung zu jenem Zeitpunkt bereits bestätigt. Damals gab es so etwas wie ein computergesteuertes Rating-System noch nicht. Auch steckte das ganze Marketing-System, wie es heute bekannt ist, noch in den Kinderschuhen. Um ein Pitboss im Casino zu sein, genügte es, wenn man 10 oder 20 Jahre Berufserfahrung hatte. Leute vom Fach hatten häufig beste Aussichten auf einen Aufstieg. Dem ist heute nicht mehr so. Die führenden Kräfte eines Casinos verfügen meistens über Universitätsabschlüsse oder sonstige Diplome, die ihre Kompetenz und ihr Know-How bestätigen.
Um ein Casino Host zu sein, bedarf es guter kommunikativer Fähigkeiten. Man muss clever und flexibel sein und vertrauenswürdig für ein Unternehmen. Ein Casino Host muss wissen, wie man sich gute Freunde macht und wie man sich vor ihnen verkauft. Obwohl ein Casino Host eigentlich dahinter her ist, einen Gast zum Spielen zu verführen, so tut er dies eigentlich so geschickt, dass das Spielen bei den Argumenten und Kommunikationen eigentlich ganz am Ende ansteht. Während hier in Europa ein Casino damit prahlt, wie viele Spieltische oder Slotmaschinen aufgestellt sind, so kommt dies in Las Vegas gar nicht gut an. Ein Casinobesucher ist eher daran interessiert, wer im Showroom auftritt oder wie viel ihn das Steak-and-Eggs kostet oder wie die Band heißt, die in der Lounge auftritt. Casinos in Las Vegas locken die Gäste nicht mit Spielen an, sondern mit allen Attraktionen im direkten Zusammenhang, wie eben guten Restaurants, Pool-Parties und dergleichen. Ein Casino Host lockt den Wal an mit besonderen Geschenken, einer Supersuite und einem Besuch des Weltmeisterschafts-Boxkampfes. Argumente wie beispielsweise eine Reservierung eines Privattisches im High-Limit Bereich ziehen gar nicht, wären aber hier bei uns schon genügend Ehre für einen Großzocker.
Interessanterweise war damals die Mund-zu-Mund-Werbung hoch im Kurs. Während es damals sehr wichtig war, wen man im benachbarten Casino kannte, um an wichtige Informationen heranzukommen, wie beispielsweise, wer gerade in der Stadt zum Spielen ist, so zählen heute die Diplome und kommunikativen Fähigkeiten. Ein Floormanager, der sich damals viel mehr um seine Spieler im Pit kümmern musste und direkter Ansprechpartner war, muss heute die Funktion eines Mini-Buchhalters beherrschen und die Daten über einen Zocker und den aktuellen Stand eines Tisch-Saldos in Computerprogramme eingeben können.
[bild:3]Steve Cyr betrat das Casino-Parkett zu dem Zeitpunkt, als diese Floormanager immer weniger Zeit hatten, um sich um die Gäste kümmern zu können. Die Funktion "Casino-Host" gab es damals noch gar nicht. Es war damals unüblich, dass ein Casino-Host zum Telephonhörer greifen würde, um einen Spieler zuhause oder im Büro anzurufen, um eine Einladung zum Essen zu offerieren. Außerdem war es unüblich, dass der Host den Kontakt zum Gast suchte, während dieser am Spielen war. Er sass in seinem Büro und wartete darauf, bis der Gast von selbst kam um seine Wünsche auszusprechen. Danach wurde die Maschinerie in Gang gesetzt. Aber dadurch gingen dem Casino einige Großzocker verloren, nämlich genau diese, die ein paar Tausender an den Tischen liegen ließen und dann frustriert und enttäuscht zum Hauptausgang zusteuerten, um ihr Glück bei der Konkurrenz zu versuchen. Ja, es war sogar nicht selten der Fall, dass Spieler, die relativ hohe Einsätze tätigten, sogar für ihre Zimmer bezahlten, da sie gar nicht wussten, dass das Casino diese Rechnung übernehmen würde. Viele Spieler wussten gar nicht, dass es die Funktion "Casino-Host" überhaupt gab. Das Marketing-System war total renovierungsbedürftig! Die Verantwortlichen saßen in ihren Büros und merkten nicht, dass ihnen viel Potential verloren ging.
Steve Cyr wusste, dass er im Marketing-System eine große Chance haben würde. Seine Vision, die er damals bei seinem Besuch der VIP-Check-In Zone im Desert Inn hatte, war das Startbrett seiner Karriere. Nach einem Interview mit Mike Sterling, einem der Marketing Chefs im Desert Inn, bei welchem Steve seinen Standpunkt und seine Ideen überzeugend hinüberbringen konnte, bekam er seine große Chance. Er wurde eingestellt als Erster Supervisor des Desert Inn VIP-Service Bereiches. Und dies war der Anfang seiner steilen Karriere. Andere Casinos zogen später nach, und heute findet man in jedem größeren Casino diesen VIP-Bereich, der rund um die Uhr für die Super-Zocker geöffnet ist. Steve Cyr stellte sicher, dass für gute Gäste alles arrangiert war, wenn sie nach Las Vegas kommen würden. Die Limo am Flughafen musste bereitstehen bei Landung des Flugzeuges. Während der Fahrt vom Flughafen zum Hotel musste der Fahrer anrufen und bestätigen, dass alles arrangiert war, und zugleich wurde sichergestellt, dass das Zimmer oder die Suite in tadellosem Zustand war und bezugsbereit, und dass bei Ankunft des Gastes im Desert Inn stand Steve und ein Bellman bereitstanden und ihn begrüßten. Während das Gepäck direkt in die Suite gebracht wurde, begleitete Steve seine Gäste in den VIP Bereich, wo Erfrischungen bereitstanden, um den Empfang so angenehm wie möglich zu gestalten. Das Desert Inn hatte bereits die Reservierungen in den Top Restaurants vorgenommen, für die Gattin des Zockers die Besuchszeiten im SPA, mit einer top-professionellen Massage oder die Tee-Zeiten auf dem Golfplatz bestätigt. Alles musste stimmen. Nur das beste war gerade gut genug. Quid pro quo. Steve Cyr war nicht mehr eigentlich der direkte und erste Ansprechpartner für den Gast, sondern der Supervisor der Hosts. Wenn ein Spieler bereits einen Casino-Host hatte, dann wurde er nunmehr vorgestellt oder wenn der Gast zum erstenmal im Desert Inn war, dann stellte er sicher, dass ein Host für den Gast bereit war und sich bei ihm vorstellen kam.
Es gab sehr viele Veränderungen in diesem Casino-Marketing-System. Viele Köpfe würden rollen, ein eiskaltes Geschäft mit einer glänzenden Fassade, einzig und alleine darauf abgestimmt, an das Geld anderer Leute zu kommen. Erfahren Sie mehr darüber im nächsten Kapitel
Quelle und Grundlage zu dieser Serie, sowie Informationen daraus, war das spannende und hochinteressante englischsprachige Buch von von Deke Castlemen mit dem Titel: "Die Waljäger in der Wüste".
Weitere Artikel dieser Serie:
Wal-Fängerei in der Wüste - Las Vegas- Eine Krake die jeden Dollar frisst - Kapitel 2: Steve Cyr - voll in Action
Wal-Fängerei in der Wüste - Las Vegas- Eine Krake die jeden Dollar frisst - Kapitel 1 Die Welt des High-Limit Zockers
Wal-Fängerei in der Wüste - Las Vegas - Eine Krake die jeden Dollar frisst
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