Kritische Betrachtung des Bild-Artikels vom Sonntag
Veröffentlicht am 26.03.2007 05:15 Uhr
Geschrieben von T. Scherge
Unter dem Titel "Suchtgefahr! Experten fordern: Werbeverbot für Poker" erschien in der Sonntags-Ausgabe der Bild-Online ein insgesamt zwar neutraler, aber - wie in vielen anderen Zeitungen Deutschlands in der Vergangenheit auch - völlig unzureichend informierender Artikel zum Thema Suchtgefahr beim Poker.
Das Vorurteil, den Glücksfaktor beim Pokersport wie selbstverständlich mit dem reinen Glücksfaktor von herkömmlichen Automatenspielen zu vergleichen wird auch in diesem Artikel eindrucksvoll aufgegriffen. Die Vorsitzende des Fachverbandes Ilona Füchtenschneider wird beispielsweise wie folgt zitiert: "Poker ist ein höchstriskantes Glücksspiel, bei dem Spieler hohe Verluste erleiden können."
Bundesweit gibt es Schätzungsweise 400.000 süchtige Glücksspieler. Und richtigerweise erwähnt Bild-Online auch, dass es sich dabei zum Großteil um Automatenzocker handelt. Die Schweizer Studie "Glücksspiel und Spielsucht in der Schweiz" ist in diesem Zusammenhang allerdings wesentlich aussagekräftiger. Denn 52 Prozent der Spielsüchtigen in der Schweiz stufen das Automatenspiel als Problem verursachend ein, und der Erstkontakt zum Glückspiel wird zu 55 Prozent durch diese Automaten verursacht. Dagegen gaben nur ein Prozent der Spielsüchtigen das Internet als Ursache an und auch der Erstkontakt liegt bei einem Prozent.
Noch dazu findet in den Aussagen der so genannten Experten, der (im Gegensatz zum herkömmlichen Glücksspiel) erhebliche Anteil von strategischem Denken beim Pokern offensichtlich überhaupt keine Berücksichtigung.
Trotz dieses Informationsdefizits warnt der stellvertretende Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) Dr. Raphael Gassmann sogar davor, "dass der Poker-Boom dazu führen wird, dass in den nächsten ein bis vier Jahren Pokersüchtige unsere Beratungsstellen füllen werden." Und da dieser "Trend" - der Objektiv betrachtet eine reine Vermutung darstellt, und dem jegliche Grundlage fehlt - durch TV-Sender, die Pokerrunden als seriöse Sportveranstaltungen vermarkten, gefördert wird, fordert Dr. Gaßmann "ein generelles Werbeverbot - ob im Fernsehen, Internet oder in Zeitungen. Denn Werbung für Poker und andere Glücksspiele fördert gerade bei jungen Menschen Abhängigkeit."
Wenn dem so wäre verwundert doch die im selben Artikel abgedruckte Aussage vom Sprecher des DSF Fabian Schiffler: "Fakt ist: 80 Prozent der Zuschauer unserer Pokerübertragungen sind älter als 30 Jahre. Wir können keinerlei Jugendgefährdung bei der Ausstrahlung erkennen. Poker ist ein spannendes strategisches Spiel, ein Massenphänomen. Es geht darum, seinen Gegenspieler zu lesen, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. Um kühle Analytik."
Wie wenig informiert Suchexperten über den Hintergrund des Pokerssports sind belegt dann eine weitere Aussage von Frau Füchtenschnieder. Sie sagt: "Durch die Art der Werbung wird vermittelt, dass die Spieler reich und berühmt werden. Das verführt, selbst um Geld zu spielen." Das dürfte allerdings beispielsweise auf der deutschen Plattform von PokerStars.de schwierig werden, denn dort wird bekanntlich um Play-Money gespielt und eine Werbung für die Echtgeld-Seite PokerStars.com ist im deutschen Fernsehen nicht bekannt.
Zu guter letzt plaudert dann der "Pokersüchtige" Maik B. (Name von Bild-Online geändert) noch ein bisschen aus dem Nähkästchen. "Zuerst spielte ich in Kneipen um Kleingeld, dann wurden die Einsätze immer höher", so Maik B. Nachdem er an einem Wochenende knapp 2000 Euro verspielt hatte kam er dann zu der Einsicht, dass es so nicht weitergeht, da er mittlerweile die Existenz seiner Familie aufs Spiel gesetzt hatte. Maik B. fand laut Bild-Online Hilfe in einer Suchtberatung, seinen Verlust bis zum Ausstieg schätzt der "Süchtige" auf 50.000 EURO.
Wenn man bedenkt, dass in Deutschland circa elf Prozent der Bevölkerung an einer Alkoholerkrankung leiden und im Gegensatz dazu "nur" 0,4 Prozent der Bevölkerung eine Spielsuchtgefährdung aufweisen, wovon wiederum nur ein Bruchteil auf Poker zurückzuführen ist, scheint Bild-Online mit Maik B. tatsächlich die Nadel im Heuhaufen gefunden zu haben.
Abschließend bleibt zu sagen, dass natürlich auch Poker ein gewisses Suchtpotential aufweist, dieses aber mit Glücksspielautomaten, Lotto, Pferdewetten oder sonstigen Sportwetten zu vergleichen ist völlig aus der Luft gegriffen. Im Gegensatz zu diesen Spielen können die Akteure eines Pokerspiels den Ausgang, zum Beispiel durch strategisches Geschick, entscheidend beeinflussen.
T. Scherge
Quelle: Bild.T-Online.de
Quelle: www.pokeracademy.org.uk
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